Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1876)
- Date
- 1876-02-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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luO jetzt wohl längst vergessen haben, eine Art besseres Stubenmädchen. Dorothea Hammer, eine geschickte Näherin und Stickerin, gar nicht ungebildet, war ein schönes Mädchen. Sie gefiel mir außerordentlich, ich war ein hübscher, blutjunger Mann. Bon einer unbezähmbaren Leidenschaft, voll Energie. wenn es sich um die Befriedigung meiner Wünsche handelte, ward es mir unschwer, das junge Mädchen zu verführen. Ich versprach ihr mit allen heiligen Eiden sie zu ehelichen, — vielleicht, daß ich in dem Momente, als ich's versprach. die Absicht hatte, mein Wort einzulösen, aber als wir Hamburg nach längerem Aufenthalte verließen und sich das Mädchen beim Abschiede mir schluchzend an den Hals warf, und mich beschwor mein Wort einzulösen, sie zu meinem Weibe zu machen, schon damals fiel mirS nicht im Entferntesten ein, mich jetzt schon für immer binden zu wollen . ... es war abscheulich!" „Es war abscheulich; in der That" wiederholte Frauke entrüstet. Zöllner zuckte resignirt die Achsel. „Einige Monate später erhielt ich ein Schreibeil von Dorchen Hammer, worin sie mich nochmals in den rührendsten Ausdrücken beschwor, mein Wort einzulösen, ihre Ehre zu retten, nicht das Vertrauen eines unerfahrenen Mädchens, die in überwallender Zärtlichkeit den glühenden Ausdrücken einer rasch auflodernden Leidenschaft Glauben geschenkt, in so schändlicher Weise zu mißbrauchen. Sie schrieb mir — Thränen hatten die Schriftzüge verlöscht und unleserlich gemacht — daß sie in einiger Zeit einem Kinde das Leben geben würde. Die' Verzweiflung des unglücklichen Mädchens rührte mich nicht, ich schrieb ihr einen hohnvollen Brief, überhäufte sie mit Vorwürfen, erklärte ihr, daß ich mich als so junger Mann nicht für das ganze Leben binden wolle, und daß ich auch, sowohl in Bezug auf Stellung und Vermögen , als auf die Bildung meiner zukünftigen Lebensgefährtin viel höhere Ansprüche stelle, als sie befriedigen könne, daß sic die Folgen ihres Leichtsinns und ihrer Leichtgläubigkeit nun auch tragen müsse. Einige Tage später empfing ich von dem Vater der armen Verführten, von dem alten Hammer, einem ehrlichen alten Manne, einen Brief. Er lautete: Sie sind ein Schurke. Wenn Sie mein Kind, das Sie in listiger Weise verführten, zum Weibe wollten .... ich würde es Ihnen verweigern! Einige Monate später schrieb mir der alte Philipp Hammer: Mein armes Dorchen hat j einem Kinde das Leben gegeben. „Sie starb am j „gebrochenen Herzen in Folge der Schmach und! „Schande, die Sie über sie gebracht, das Kind,! „ein Mädchen — ich habe es Sophie genannt — > „ist Ihre Tochter .... ich bin ein armer, alter,! „verlassener Mann ohne Anverwandte, so lange! „ich lebe, will ich für das Kind sorgen .... „wenn ich sterbe, fällt die Pflicht Ihnen zu." — Das Kind — wenn ich mich dessen angenommen, wenn : ich es anerkannt hätte, wäre ein großes Hinder- * niß ans meinem Lebensweg geworden .... einen! Augenblick, aber nur einen Augenblick durchzuckte! die Erinnerung an das arme Mädchen mein Herz — einen Augenblick fühlte ich mein Herz für das j arme, kleine Geschöpf in Hamburg, das bei seiner! Geburt die Mutter verloren und einen unwürdigen! Vater besaß, erwärmen; .... aber an dem Abend, wo ich den Brief empfing, gab'S eine lustige Ge-! fellschaft, ich schlug mir's ans dem Kopfe. ich beantwortete das Schreiben nicht, kümmerte mich nicht um mein Kind ... ich war ein elender, herzloser Egoist!" „Hammer war ein ehrenwerther Mann, er hätte mir viel Verdruß bereiten, meine Stellung im Hause Ebers erschüttern, ja unmöglich machen können — aber er behelligte mich seit jenem Tage mit keiner Forderung, keiner Bitte, keinem Worte! — ES waren Jahre vergangen, in einzelnen Momenten, wenn ich oft stundenlang allein oder mit Fallenberg die weiten Steppen Mittelamerika's durchstreifte, war der Gedanke an mein, an Dorchen Hammers Kind in meiner Seele aufgetancht; ob der alte Großvater des Kindes noch lebte? — was war ans diesem geworden?.die Gestalt eines armen hungernden frierenden Kindes, meines Kindes, stellte sich vor meine Seele — aber die Zeit der innern Einkehr, war für mich noch lange nicht gekommen, und meine schrankenlose Selbstsucht gestattete es mir nicht, mich von einem Gedanken, auch nur eine Minute lang quälen zu lassen .... ich drängte ihn fort; — mit aller Macht fort aus meiner Erinnerung." Zöllner machte eine kurze Pause. „Lassen Sie die unnöthigen Reflexionen," sprach Eberstein, von dem langen Anhören ermüdet und abgespannt, „theilen Sie uns lieber Thatsachen mit." (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortlich, Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)