Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1876)
- Date
- 1876-02-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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99 sie \t daS, was sie durch Sie gelitten, vergessen könnten, aber Beide haben mich übereinstimmend beauftragt, Ihnen zu sagen, daß der Tod versöhne , — daß sie es aus dem tiefsten Grunde ihrer Seele wünschen, daß Gott der Allbarmherzige Ihnen nicht vergelten, Ihre bittere Reue, die gerechten verdienten Gewissensqualen, die Ihr Herz zerfleischen, Ihnen als volle Buße anrechnen möge. Ich wiederhole es Ihnen; vergessen können selbst die beiden edlen Menschen nicht; — aber sie vergeben Ihnen!" Gottes reichsten vollsten Segen über ihr Haupt . . . und auch über Sie, Franke, Sie Ueberbringer so froher Nachricht! Allerbarmer! die Beiden ererdrücken mich noch in meiner Sterbestunde mit ihrem Edelmuth .... es ist zu viel, zu viel der Nachsicht und der Milde oh! oh!" Zöllners Stimme wurde schwächer, sie sank bis zur Undeutlichkeit herab, er murmelte unverständliche Worte; einige Minuten blieb er in traumhaftes Brüten verloren. „Du bist ja sonst so milde, Franke! sagte Eberstew leise, „bedenke es, es ist ein Sterbender . . . . Du hast nicht die sanfteste Form gewählt, Dich Deines Auftrages zu entledigen!" „Ueber Alles die Wahrheit," entgegnete Franke ernst und würdig: Chosomo schel hakodosch boruch hu emmes*); ich habe es gesagt, vergeben ist rein, edel, menschlich .... vergessen, übermenschlich .... wer das vergessen könnte, — der müßte kein Menschengeborener sein!" Es war eine Pause eingetreten. Eberstein befürchtete, die Aufregung Zöllners, sein überhandnehmende Schwäche, würde ihn verhindern, seine Mittheilungen fortzusetzen; der Arzt hatte ausdrücklich erklärt, es gehe jetzt mit ihm sehr rasch zu Ende, und nur seine Energie, seine merkwürdige Willensstärke, das eiserne Bestreben, so lange zu leben, bis er seme Seele durch das letzte Gespräch entlastet, scheine ihn zu erhalten. Eberstein trat leise an den Kranken, berührte leicht seine Schulter und sagte: „Zöllner .... Sie wollten uns etwas mittheilen .... ermannen Sie sich, sprechen Sie .... regen Sie sich nicht ohne Noth auf .... verweilen Sie nicht unnöthig bei Nebensächlichem . . . . sprechen Sie objectiv" und als Zöllner ihn nicht zu hören schien, konnte sich Eberstein nicht entbrechen zögernd lauter hinzuzufügen: „die Zeit verrinnt, bedenken Sie es, Zöllner, jede Minute kann eine verlorene sein, für Sie und für uns .... für ewig!" *) DaS Gottessiegel ist Wahrheit (daS Gepräge der Göttlichkeit) „Sie haben recht," zuckte der Kranke aus seinem düstern Brüten auf „also vorwärts Mann!" sprach er sich selbst ermunternd, „es muß ja Allegesagt werden — mehr erniedrigen, als es schon geschehen ist, kannst Du Dich nicht .... mehr verachten werden sie Dich auch nicht, als sie Dich schon verachten! . . . . Franke! darf ich Sie bitten, mir das Glas mit dem Tranke zu reichen . . . . ich muß meine Kehle anfeuchten, ich habe Ihnen eine lange Geschichte zu erzählen .... ich kann mir keine Kürzungen gestatten; Sie würden mir sonst trotz den Dokumenten, die Alles, was ich sage, belegen, nicht glauben, Sie wissen es," ein bitteres Lächeln verzerrte seine zuckende Lippe, „den Schriftstücken, die ich vorzulegen pflege, ist mcht unbedingt Glauben beizumessen.Es handelt sich um das kleine Mädchen dort . . . . sie ist eine reiche Erbin .... mir bleibt auch nachdem ich meinen Raub zurückerstattet, ein Vermögen von anderthalb Millionen Thaler; ich habe es mit dem Gelde gewonnen, das ich .... der Familie Ebers gestohlen.aber das kleine, arme reiche verlassene Kind dort .... das, wenn ich nicht noch sprechen könnte, vielleicht schon in wenigen Stunden allein stände, auf der ganzen weiten Welt ist ... . doch lassen Sie mich im Zusammenhänge sprechen . . . ." Zöllner erfrischte sich durch einen Trunk aus dem Glase, das Franke vor ihm hingestellt hatte, dann sprach er weiter. „Sie erinnern sich wohl, Herr Robert von Eberstein, es werden jetzt zweiundzwanzig Jahre sein, als Sie nach Hamburg zur Brautschau fuhren. Da Sie bei dieser Gelegenheit auch mehrere große Geschäfte abwickelten und neue Verbindungen anknüpfen sollten, war ich Ihnen zur Unterstützung und Hilfeleistung beigegeben. Sie sollten — wenn sie Ihnen gefiel, um die Tochter des Bankier Willner-Merkenstein werben. Die Erklärung der jungen Dame, Sie müßten Sich ihren Neigungen fügen, Ihre religiösen Anschauungen ändern, Ihre orthodoxe Lebensweise aufgeben, hatte Ihre sofortige Gegenerklärung an den Vater der Dame, von der Werbung abzustehen, hervorgerufen. Allein, da wir in starker Geschäftsverbindung mit dem Hause Zacharias Willner-Merkensteins Enkel standen, setzten wir unsere freundschaftlichen Beziehungen zu dem Hause fort, und wurden auch dann, noch mehrmals dort zum Thee geladen. Ich hatte, namentlich die erste Zeit, wo eine Verbindung der beiden Familien noch gehofft wurde, Gelegenheit gehabt, mich dort heimisch zu machen. In Merckensteins Hause lebte ein junges Mädchen, — Sie werden es wohl damals bemerkt, aber bis .