Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1876)
- Date
- 1876-01-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447650--12193-2468008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
76 Tochter, die ich noch nie gesehen! — nie an mein Vaterherz gedrückt hatte .... ich will auch an ihr gut machen, was ich an ihrer Mutter verbrochen!" Zöllner hatte wieder mit steigender Erregung gesprochen, er stieß die Worte keuchend und pfeifend aus hohler Brust hervor. Dem höchsten Grade geistiger Aufregung hatte sich, schwere körperliche Ermattung zugesellt. Nach einer langen Pause, fuhr er mit schwacher, zitternder Stimme, langsam, absatzsweise sprechend fort. „Ich kam nach Hamburg .... ich suchte meine Tochter und . . . fand ihr Grab . . . dort schwur ich's nochmals mit tausend heiligen Eiden, für die kurze Zeit, die mir zu leben noch gegönnt, ein anderer zu werden .... nochmals schwur ich Allen nach Möglichkeit zu vergüten, an meinem Enfelkinde gut zu machen, was ich an meiner Tochter und deren Mutter verbrochen .... und beim allmächtigen Gotte! es war die höchste Zeit für mich, besser zu werden. — Die furchtbaren geistigen Leiden, die körperlichen Anstrengungen meiner schnellen Flucht, und einer beschwerlichen nächttlicdcn Reise auf Umwegen; die rasch aufeinanderfolgendcn Aufregungen, hatten meine Gesundheit plötzlich vollkommen zerrüttet.meine Stunden sind gezählt! ah! Gott tausendfach Lob und Dank, Alfred hat das Vermögen seiner Familie in Händen.eins gutgemacht! .... und nun zu dem andern Tbeile meiner Geschichte .... Ihr werdet staunen, und es ist von höchster Wichtigkeit für Euch und für mich! . . . . Es wird, Euch, Mitglieder und Freunde der Eberstein'schen Familie im höchsten Grade interessiren .... erst dann werde ich ruhig sterben können!" Aber Zöllner hatte seine Kraft überschätzt, er ward plötzlich noch bleicher als er gewesen, er ward erdfahl; er schloß die Augen, sank um; er war ohnmächtig geworden. Der Primärarzt, ein ebeso tüchtiger als menschenfreundlicher Mann ward sofort gerufen. Er nahm sich nicht Zeit die Anwesenden, die er mit Ausnahme Löwenstamms genau kannte, zu begrüßen; eilte zum Krankenbette, erkundigte sich rasch über die Umstände, die der Ohnmacht unmittelbar voraugegaugen waren, und untersuchte sorgfältig den Kranken. Er schüttelte bedenklich und mißbilligend den Kopf. ,,/ch begreife es nicht, meine Herren!" sprach er ernst, „daß Sie einen so schweren Kranken, eine so lange, aufregende Rede, — wie Sie mir im Allgemeinen mittheilen, gestatten mochten!" „Herr Doktor" entgegnete Eberstein „waS uns der Kranke mittheilte, war von der allerhöchsten Wichtigkeit .... wenn er sich erholt haben wird; wird er sich geistig unendlich beruhigt fühlen .... er hat eine wuchtige, erdrückende Last von seiner Seele abgewälzt . . . ' es wird das seinen Heimgang erleichtern; — aber Herr Doktor, er ist mit seinen Mittheilungen noch nicht zu Stande; er versichert, — und es ist dies auch vollkommen glaubwürdig — nicht ruhig sterben zu können, wenn wir nicht Alles gehört haben .... was er uns noch zu sagen hat, mag sowohl für ihn, als für uns von aller hervorragendsten Wichtigkeit sein .... nachdem, was wir schon von ihm erfahren, sind wir berechtigt, zu vermuthen, daß das Lebensglück mehrere Menschen auf dem Spiele steht. Wenn es ihm verwehrt würde, uns noch einmal zu sprechen, so könnte dies bei seiner leidenschaftlichen Natur und seiner nervösen Aufregung, seinen Zustand, wo möglich noch verschlimmern,'wahrscheinlich, sogar seinen Tod beschleunigen. Es wäre für ihn eine Marter, er würde unter Seelenqualen sterben!" „Meine Herien" entgegnete der Doktor ernst, „ich hoffe, der Kranke wird bald aus seiner Ohnmacht erwachen; aber dann wird er einiger Stunden der Ruhe und Erholung bedürfen. Sollte er im Laufe des Nachmittags sich in der Verfassung befirMn, Ihren Besuch anzunehmen und diesen, wie ich nach Ihren Angaben sicher erwarte, auch wünschen, so werde ich Sie sofort hiervon verständigen." Die vier Herren begaben sich in das Nebenzimmer und warteten dort noch so lange, bis Ihnen der Doktor mittheilen konnte, der Kranke habe sich etwas erholt, und habe ihn in leidenschaftlichster Aufregung beschworen/ die Herren wieder zu ihm rufen zu lassen. Unter den obwaltenden Umständen, müsse er — der Doktor — es allerdings gestatten, daß die Herren in einigen Stunden wieder kämen, um auch die letzten Mittheilungen des Sterbenden — Zöllner hatte nach der Prognose des . scharfblickenden Arztes kaum noch vierundzwanzig Stunden zu leben — entgegen zu nehmen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)