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Der Israelit · 1876-01-26 · Heft 4 (26.1.1876) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 4 (26.1.1876)
Date
1876-01-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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75 sandte ihr Lstr. 20 zur Bestreitung der Reisekosten, aber als sie in Hüll ankam und ihn sah, weigerte sie sich, ihn zu heirathen. Vor einigen Tagen begab er sich mit drei Freunden nach ihrer Behausung und als er ihr die Hand drückte, versuchte er einen Ring an ihren Finger zu stecken und begann die jüdische Trauungsformel zu sprechen. Sie widersetzte sich dieser Zwangsheirath, worauf er ihr ins Gesicht schlug und ausrief, er wolle sie lieber tödten als gestatten, daß sie einen Andern heirathe. Der Heirathslustige wurde der Polizei übergeben, aber da sich der Zorn der jungen Dame inzwischen in Mitleid verwandelt und sie dem Richter gegenüber den Wunsch ausdrückte, ihn nicht bestraft zu sehen, wurde er mit einer Warnung entlassen, nachdem er vorher eine Caution für sein fernes friedliches Verhalten gegen Vre Klägerin gestellt. Feuilleton. Haus Ebers. Erzählung von S. Kohn, Verfasser des „Gabriel" (Fortsetzung.) Er hatte über mein Anstiften, nachdem ihm die versuchte Entwendung eines Schriftstückes mißlungen, den Brand im Schlosse angelegt. Es lag wohl auch in seinem Interesse zu schweigen aber ich war zu besorgt, zu unruhig, ich mußte ihn sprechen. Um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, machte ich den weiten Weg nach dem Dorfe, in dem Olbig lebte, bei Nackt, zv Fuße, um ihn am frühen Morgen sogleich sprechen zu können. In der Dorfschänke, in welche ich trat, um mich durch einen Trunk zu stärken, erfuhr ich Ueberraschendes. — Olbig war, als er TagS zuvor, das erstemal, den — an derStelle des niedergebrannten —neuerbauten Heuboden betreten hatte, herabgestürzt, und hatte beide Fuße gebrochen. Er hätte, hieß es, nur noch wenige Stünden zu leben, und habe nach dem Gutsherrn, dem Pfarrer und dem Dorfschulzen geschickt. Ich war verloren! — was konnte der Elende, dessen naher Tod ihn dem rächenden Arme menschlicher Gerechtigkeit entzog, anderes bezwecken, als vor seinem Ableben durch ein reumüthigeS umfassendes Geständniß, sein Gewissen zu erleichtern, den unschuldig verurtheilten Löwenstamm, aus seinem Kerker zu befreien. Furchtbare Angst, namenlose Verzweiflung ergriff mich. — Das Unglück hatte eine merkwürdige Veränderung in mir hervorgerufen. Mein blindes, stolzes Selbstvertrauen war vernichtet, ich war muthlos, war feige geworden. Die Straflosigkeit aller bösen Handlungen, die ich bisher verübt, hatten meinen Unglauben gekräftigt. Ich glaubte an keinen Gott, ich war von der falschen Ueberzeugung durchdrungen, daß nur blinder Zufall die Welt beherrsche, daß Menschenklugheit alle Hindernisse überwältigen könne — es war das erstemal in meinem Leben, wo ich die Hand des allgerechten Richters erkannte, jenes allmächtigen Weltherrn, den ich erst zu spät erkannte. Nun mußte ich sofort fliehen, ich hatte keine Stunde länger Zeit .... wohin sollte ich mich wenden? das war eine Frage, die mich plötzlich tief erschütterte .... ich hatte stets nur mir, nie einem zweiten Wesen gelebt. Der Egoismus, in seiner erschrecklichsten Gestalt, war mein Abgott gewesen .... der Zustand, den ich Irnster Vft sinnloser Selbstvergötterung geistige Unabhängigkeit , Selbstständigkeit, Entbehrenkönnen jeder Menschenfreundschäft genannt hatte; — fiel jetzt, da ich im Unglücke war, mit- Riefenlast auf mein zerquältes Herz. Es gab kein Wesen auf der weiten Erde, das mich liebte; auf das ich Anspruch auf Liebe, auf Dankbarkeit erheben konnte .... und der Trost, der jedem, auch in der trübsten Lebenslage, bleibt, die Hoffnung auf Gott war mir fern! .... Ich hatte viel verbrochen, ich hatte in schändlichster Selbstsucht kein Mittel gescheut, um das Ziel meiner Wünsche zu erlangen; ich hatte mit berechnender Ueberlegung das Glück der edelsten Menschen zerstört, ich habe viel Böses verübt .... aber ich habe auch viel gelitten. Ich habe seit diesem Tage, gräßliche Qualen erduldet. Die Angst entdeckt zu werden, die Foltern der Gewissensbisse, die erschreckliche Pein! ein Leben total verfehlt, verloren zu haben, die entsetzliche Furcht vor einem Jenseits, dessen Bild sich plötzlich vor meinem erschreckten Seelenauge entrollte, das waren Leiden, die jeder Schilderung spotteten. Das was ich empfunden, kann keiner von Euch, Ihr edlen Menschen nachfühlen . . . . das Jenseits! das Jenseits! das war ein Gedanke, der mich in grauenhafter Weise folterte .... wäre der nicht gewesen .... ich hätte mit einem Revolverschuffe, meinem elenden Leben ein Ende gemacht .... aber ich wollte Alles, was in meinen Kräften stand, gut machen .... vor Allem Jeanetten und ihren Kindern das geraubte Vermögen zurückerstatten .und indem ich in wilder Verzweiflung die endlose lange Reihe meiner Unthaten überblickte, blieb mein Geistesauge auch auf einer dunklen Stelle arger Pflichtvernachlässigung . ... als ob ich je eine Pflicht erfüllt hätte! .... nach Hamburg! nach Hamburg! rief« in mir mit tausend Stimmen, zu meinem Kinde, zu meiner

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