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Der Israelit · 1876-01-19 · Heft 3 (19.1.1876) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 3 (19.1.1876)
Date
1876-01-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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62 meindemitglieder nicht erst lange fragte, sondern kurz und bündig Beschluß faßte und denselben zur Ausführung brachte; so darf man doch nicht glauben, daß allgemeine Freude und Zustimmung ihm entgegengebracht wurde und sein Bestreben, auch die Gemeinde Bingen den Schwestergemeinden Coblenz, Mainz, Worms, Frankfurt, Wiesbaden ebenbürtig zu machen durch diese Reformen, große Anerkennung fand, denn nicht weniger als 56 Mitglieder protestirten entschieden gegen diesen Beschluß, was in Anbetracht der nur ungefähr aus 101 Familien bestehenden jüd. Gemeinde jedenfalls eine sehr beachtenswerthe Minorität war, d. h., in der That war es die Majorität; aber da von den 5 Vorstandsmitgliedern 3 für die Einführung der gen. Reformen stimmten, und nur der Vorstand als Vertreter der Gemeinde hierin entscheidend war. so ist — gewiß eigenthümlich genug! — eine Majorität zu einer verschwindenden Minorität herabgedrückt. Ob hierbei der Vorstand in Wirklichkeit als Vertreter der Gemeinde und deren Interesse gehandelt hat, das zu beartheilen überlassen wir jedem Einsichtsvollen. Angenommen auch, der Vorstand in seiner Majorität hätte, was Intelligenz und Bildung anbelangt, in seiner Dreizahl die geistige Majorität der Gesammtgemeinde repräsentirt und dieser Vorstand hätte aus höherer Einsicht und Erleuchtung so gehandelt, wie er gehandelt und 56 Stimmen von iö1 als „v erschwindende" Minorität nicht einmal auf ihre Vorstellungen einer Antwort für würdig befunden: hat dieser Vorstand — diese Frage aufzuwerfen wird uns wohl gestattet sein, um so mehr, da wir ja keine Antwort erwarten und verlangen, indem jeder billig Denkende sich selbst wird die Antwort geben können — hat dieser Vorstand im Interesse seiner Gemrinde und als deren Vertreter gehandelt, oder nicht vielmehr die schreiendste Gewalt geübt? War die Einführung von solchen weitgehenden Reformen bei 56 Prvteftirenden von 10! Stimmen wirklich ein so großes, allgemeines Bedürfniß, daß man, was doch sicherlich nicht anders zu erwarten war - es sei denn, daß tiefste Blindheit den erleuchteten Vorstand plötzlich heimgesucht — den Frieden der Gemeinde so freventlich und leichtfertig auf's Spiel setzen durfte und zu einer Trennung aeradezu nöthigte? — Wahrlich, wenn nur ein Funke des Pflichtbewußtseins bei dem verebrlichen Vorstande vorhanden gewesen wäre, dessen er als Vertreter einer Gemeinde nie und nimmer entrathen kann, dann hätte man nimmermehr einer Majorität der Gemeinde gegenüber nur weil zufällig im Vorstande selber eine Majorität von 3:2 vorhanden, so verfahren dürfen, wie man verfahren und den sittlichen Grundsatz unsers Jahrhunderts, daß „Recht über Gewalt" stehe, so auf den Kopf stellen dürfen, sich dabei rühmend, im Geiste unser Zeit zu handeln. Es mag vielleicht für machtstolze und eigensinnige Naturen ein wohlthuendes Gefühl sein, unter den obwaltenden Verhältnissen solche Macht ausüben zu können und den eigenen persönlichen Willen trotz der Majorität der Gemeinde durchgeführt zu haben; aber eine Vertretung der Gemeinde und deren Interessen kann das doch unmöglich genannt werden. Es mußte bei einer solchen Handlungsweise eines Vorstandes, der sich von dem Grundsätze „biegen oder brechen" beherrschen ließ, ganz so kommen, wie sich jeder Vernünftige das hat Voraussagen können. Da natürlich nicht Jeder bie Natur hat, der Gewalt sich zu beugen, so separirte sich ein Theil der Gemeinde, richtete sich einen Privatgottesdienst nach seinen Bedürfnissen ein, constituirte sich als eigene Religionsgesellschaft, acquirirte in der Person des Herrn vr. H. Sänger einen Prediger und Religionslehrer und hat sich jetzt sogar ein eigenes Gebäude gekauft, um sich, da man von Seiten des Gemeindevorstandes Alles gethan, um ja eine Verständigung und Vereinigung unmöglich zu machen, eine dauernde Synagoge zu bauen. Wenn vorher der verehrliche Vorstand einen Protest von 56 Stimmen vollständig ignvrirte und somit bewies, daß ihm das Alles sehr gleichgiltig sei und ihn ganz und gar nicht beirre in seinem Beschlüsse, so war sein Verhalten nachher, als die nach solchen Vorgängen unausbleibliche Trennung eingetreten, ganz anders. Nicht, daß er es bereute und Vermittlungsvorschläge machte, Gott bewahre! es war ja eine verschwindende Minorität, die für den geehrten Vorstand gar nicht vorhanden, sondern der vom Zeitgeiste erleuchtete Vorstand, der Fortschritt und Bildung auf seine Fahne geschrieben und diesen hohen Gütern sogar den Frieden und — den Bestand seiner Gemeinde opferte, dieser Vorstand verfuhr ganz anders, — ob's zeitgemäß, wagen wir nicht zu beurtheilen —ernannte diese Männer, die es wagten zu opponiren, die es wagten, auch eine Meinung und Ueberzeugung zu haben, die es wagten, für die Erhaltung ihres mehr als dreitaufendjährigen Glaubens sich Opfer, schwere Opfer aufzulegen, diese nannte er Finsterlinge , Friedensstörer und wer weiß, was noch, kurz, er fand es nicht unzeitgemäß, durch verschiedene Mittel diese Männer in den Augen ihrer Mitbürger herabzusetzen und herabzuwürdigen. Das war seine Friedensliebe, das seine Gerechtigkeit und das seine Aufklärung, die allem Vorgeben nach, er für sich ausschließlich gepachtet zu haben vermeint.

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