Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1876)
- Date
- 1876-01-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XYII. Jahrgang. Zweite Beilageju Ar. 3 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Bingen. Von hier aus haben die Leser dieses Blattes sehr selten Nachrichten über jüdisches Leben erhalten, was als ein Zeichen geordneter, regelmäßiger Zustände gelten könnte, die eine Verlautbarung nicht nöthig machen, oder als ein Zeichen, daß über die Verhältnisse der hiesigen jüdischen Gemeinde gar nichts zu sagen sei, was freilich traurig genug wäre. Doch Beides ist nicht der Fall. Unsere Gemeindeverhältnisse liegen so, daß man sie weder gut noch allzu schlecht zu nennen berechtigt wäre. Es hat damit sein besonderes Bewandtniß. Wir wollen es versuchen, unsere jüdischen Gemeindezustände trotz der seit mehr als Jahresfrist herrschenden Gährung ganz ruhig und objectiv zu besprechen, indem wir glauben, durch diese Darlegung beherzigenswerthe Winke für solche Gemeinden, in denen ähnliche Verhältnisse obwalten , an die Hand geben und somit durch diese Besprechung auch größeren Kreisen nützen zu können. Bingen war früher der Sitz bedeutender Rabbiner und großer cnxnb und erfreute sich immer eines guten, wohlverdienten Rufes, nicht nur feiner wunderschönen Lage und vortrefflichen Weine halber, sondern auch wegen seiner, wenn auch nicht sehr zahlreichen, so doch blühenden jüdischen Gemeinde. Doch in den letzten Decennien hat sich, was den letzten Punct anbetrifft, das hier sehr geändert. Jndifferentismus, gepaart mit Unwissenheit, auf religiösem Gebiete, die sich ja überall vereint finden, wo ein Verfall des jüd. Lebens zu beklagen ist, haben auch hier sich wie ein Mehlthau verderblich über unsere Gemeinde gelagert, so daß, wo kurz zuvor frisches Leben pulsirt, plötzlich dasselbe gehemmt wurde, welkte und abstarb. Unsere Gemeinde, von Jahr zu Jahr sich vergrößernd, kam doch nicht vorwärts. In den neuen Elementen lag aber zugleich der Keim zum Bessern; unabsichtlich wurde in diese Gleichgiltigkeit, mit der man zusah, wie nach und nach alle Institutionen in sich zerfielen und das jüdische Leben immer mehr sich aus unseren Mauern flüchtete, etwas Bewegung gebracht. Wenn diese Bewegung sich auch im ersten Momente gegen die alten Institutionen richtete, so können wir dennoch, wenn auch nicht in ihren Absichten, so doch in ihren Wirkungen, diese Strömung als eine gesunde. frische und lebendige betrachten. Wo Bewegung, ist auch Leben — und es wäre doch in der Tha't gegen alle Gesetze der Natur und der gesunden Logik, wenn daraus nicht schließlich echtes Leben sich entwickeln sollte, wenn alle diese Bewegung und Thätigkeit unsere Religion, die so lebensfähig sich seit Jahrtausenden erwiesen hat und aus allen Kämpfen bis heute so siegreich immer wieder hervorging, untergraben könnte. Freilich, der Moment des Kampfes und das mit Gefallenen besäte Schlachtfeld bietet immer einen traurigen Anblick, aber über die Todten hinweg schreitet triumphirend der Sieg und verkündet eine neue Zeit mit frischem kräftigen Leben dem neu aufblühenden Geschlechte. So verhält es sich mit all den Kämpfen der Neuzeit auch auf religiösem Gebiete. Wenn auch in vielen Gemeinden der religiöse Streit einen recht unerquicklichen Anblick bietet, so wird doch dadurch der Jndifferentismus und die Unwissenheit zu Grabe getragen und auf ihren Trümmern ein neues, kräftigfrisches Leben erstehen. Ob der Vorstand hier von diesen Gesichtspunkten ausging, ob er gegen den Jndifferentismus zu Felde zog und den Verfall des jüdischen Lebens durch seine Reformen im Cultus zu steuern suchte, wissen wir nicht, denn nur Gott kennt die Herzen und die Gedanken des Menschen. Genug, der verehrliche Vorstand war zur Einsicht gekommen, daß es mit der hiesigen Gemeinde immer abwärts ging und beschloß deshalb, sie auf eine zeitgemäße Höhe zn bringen. Wie aus plötzlichem Schlafe erwachend, merkte man hier, daß man um Jahrhunderte zurück fei gegen andere Gemeinden , daß der alte Schlendrian aufgegeben werden müsse, die alten noch bestehenden Einrichtungen, theils abgeschafft. theils. in modernes Gewand gehüllt werden müßten, kurz, der Gottesdienst einer gründlichen Reform bedürfe, wenn er noch Anziehungskraft ausüben und erbauend sein soll. Rasch entschlossen und ohne viel zu fragen und zu überlegen wurden Orgel und Damenchor eingeführt und das alte tausendjährige Gebetbuch durch das Mannheimer'sche ersetzt. Wenn nun aber der verehrliche Vorstand rasch entschlossen war bei dieser gewiß tief in's jüdische Leben und Bewußtsein eingreifenden Reform und wenn er, in gutem Glauben an seine Machtvollkommenheit und an den Jndifferentismus der Ge-