Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1876)
- Date
- 1876-01-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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55 Straße vor die Thür des Schanklokals, wo sie ohne Bewußtsein liegen blieb. Das Gendarmerie- Posten-Commando im Orte Beneschan wurde von diesem Vorfälle verständigt und die Verhaftung des Joseph Wagner wurde sogleich vorgenommen. Bei dessen Confrontirung mit Katharina Kuhnagel sagte sie demselben, der aus Beneschau nicht herausgekommen sein wollte, zu wiederholtenmalen ins Gesicht, daß sie ihn gestern Abend, wo er da war, nach der Stimme als den Thäter erkannt habe und verlangte sogar zuletzt, man solle ihn von ihr entfernen, da ihr seine Gegenwart noch jetzt Furcht einflöße. Katharina Kuhnagel verschied in Folge ihrer schweren Verletzungen am 27. Dezember 1875 bei Ueberführung in ihren Geburtsort. Rosalia Schek, die Gattin des ermordeten Jakob Schek, ist ebenfalls den 31. Dezember 1875, Früh 4 Uhr, an Gehirnhautentzündung gestorben. Mit welcher Kraft und bestalischer Wuth dieser dreifache Mord verübt wurde, erhellt aus der Thatsache, daß jedes der Opfer sehr zahlreiche schwere Verletzungen erlitt. Der Grund der That scheint mehr ein Akt der Rache als Raub zu sein, denn in einem Koffer, in welchem sich Wechsel und einige Fünfziger-Banknoten, dann Silbergeld befanden, waren zwar wenige Blutspuren bemerkbar, jedoch konnte nicht festgestellt werden, ob hier ein Raub zu Grunde liegt, da diese Wertheffekten sich noch vorfanden. Der Schmerz, der sich in den Aeußerungen der nächsten Verwandten der Ermordeten kundgab, ist unbeschreiblich. Vier kleine Kinder sind ihrer Ernährer beraubt. Joseph Wagner wurde natürlich dem Gerichte eingeliefert. Prag, 30. Dez. Die Winterzeit ist die Blüthezeir des Vereinswesens. Diese Thatsache bewährt sich auch bei den verschiedenen Vereinen in unserer Gemeinde, sie mögen rein geistige oder Wohlthätigkeitszwecke verfolgen. Besonders die jüngeren in den letzten Jahren gegründeten Anstalten und Vereine gedeihen sichtlich und erfreuen sich seitens des Publikums einer warmen Anhänglichkeit und der ausgiebigsten Unterstützung. Für schaft und Literatur ist seit der im vorigen Jahre stattgefundenen Eröffnung der hebräischen Gemeinde- Bibliothek, die wahre Bücherschätze enthält und in der fast sämmtliche berühmte biblische Exegesen, talmudische Werke, Gutachtensammlungen und hebräische Schriften schöngeistigen und philosophischen Inhaltes, aufgespeichert sind, im ausreichenden Maße gesorgt. Die Bibliothek enthält auch eine Menge in deutscher Sprache geschriebene, auf jüdische Geschichte, jüdische Wissenschaft und Archeologie bezügliche Werke. Der übersichtliche Katalog wurde von Herrn Dr. Grün, Religionslehrer und Custos der Bibliothek, verfaßt und dürfte dieser Katalog bald dem Drucke übergeben werden. Herr Dr. Grün ist bemüht, durch Anschaffung neuer Werke die etwaigen Lücken zu ergänzen. Die Anstalt besitzt nämlich seit einigen Monaten einen Fond zum Ankäufe neuer bedeutender Erscheinungen auf dem hebräischen Büchermärkte. Schade, daß in diesem Beth Hamidrasch, in welchem sich zwei Lesezimmer befinden, keine streng wissenschaftliche und talmudische Vorträge abgehalten werden. Anderseits veranstaltet der Verein „Afike Jehude" jeden zweiten Samstag Abend die Abhaltung von populär-wissenschaftlichen Vorträgen über jüdische Geschichte, Bibel - Excegese, Midrasch, Alterthumskunde im Saale der hiesigen HandelSacademie, welche ein zahlreiches Publikum finden; besonders erfreuen sich die Vorträge des Professors Dr. Kämpf eines starken Zuspruchs, so daß bei denselben Raummangel herrscht. Sonst betheiligen sich noch bei den Afike-Jehude-Vorträgen die Herren Dr. Stein, Dr. Grün, Dr. Bock, Dr. Tauber, Leop. Wolf, Jugendbildner Freund rc. Noch bedeutender ist die Wirksamkeit der, der humanitären Richtung zugewendeten Vereine. Außer dem bewährten isr. Nächstenliebeverein, welcher jede Woche zwischen 80—200 fl. an verschämte Arme vertheilt und Jahr aus und Jahr ein über 6000 fl. an bedürftigte Gewerbsleute ohne Zinsen auSleiht und den zahllosen älteren Kranken-Vereinen macht sich das humane Wirken des Chanuka-Vereins besonders bemerkbar. Dieser Verein hat zum Zwecke, am 1. Tag Chanuka arme Kinder mit Wäsche, ganzen Anzügen und hebräischen Gebetbüchern zu versehen. 60 Kinder, 30 Knaben und 30 Mädchen wurden letzthin reichlich betheilt. Vor der Betheiligung hielt Herr Professor Dr. Kämpf an die zahlreich versammelten Mitglieder des Vereines eine gehaltvolle Ansprache, in welcher er die Wichtigkeit der D’nny «nato mso den Anwesenden ans Herz legte und zum Beitritte zu dem Verein aufforderte. Mm Uv-rzuMchrL Brr'drenl'r um 'den Bere'm gebührt dem Damen-Comitö, bestehend aus den Frauen Henriette Bendiner, Rosa Frank, Emilie Goldschmidt rc. Von den Herren war es der Schriftsteller Hr. Jacob Brandeis, dessen Eifer für die gute Sache besonders hervorgehoben zu werden verdient. Die jüngsten Wochen bereicherten indessen unsere Gemeinde noch mit einer neuen, wahrhaft wohlthätigen Anstalt. Durch die Initiative des bekannten Mitgliedes der hiesigen Cultusrepräsentanz und Spitalvorstandes, Hr. David Zappert,