Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1876)
- Date
- 1876-01-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447645-2447648--12147-2467960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
32 sich an mich, so daß er bald mein unzertrennlicher Begleiter, gewissermassen mein Sekretär wurde. Er moche etwa ein Jahr in diesem Verhältnisse gestanden sein, als er bei einer weiteren Reise, auf die er mich begleitete, in einem kleinen Orte plötzlich von einem heftigen Fieber ergriffen wurde, das ihn in wenigen Tagen dahin raffte. Sein Tod erweckte eine neue Idee in mir. Fallenberg lebte ohnegefähr so lange als ich selbst in der neuen Welt, er stand in meinem Alter, er war ohngefähr gleicher Größe mit mir, ja wir sahen uns merkwürdigerweise sogar etwas ähnlich. Er hatte mir an langen Winterabenden, an endlos langen Sommertagen, au denen wir gemeinschaftlich über die weiten Ebenen Mittelamerika's fuhren, und tagelang keiner menschlichen Seele begegneten, ausführlich feine Lebensgeschichte mit allen Details erzählt, mir seine Verwandten, seine Jugendzeit j eingehend geschildert, mir mitgetheilt, daß sein einziger Verwandter, sein Oheim, schon vor Jahren gestorben. Ich kannte nun alle seine Verhälnisse so genau wie meine. Ich war nachgerade auch amerikamüde geworden. Die Lust, Deutschland wieder zu sehen, war in mir erwacht, und es lag in meiner wilden, leidenschaftlichen, unbändigen Natur, jeden meiner Wünsche möglichst rasch erfüllt zu sehen. Ich nahm mir FallenbergS Papiere , seinen Paß, seinen Stammbaum, seine Correspondenz. Als reicher Cavalier in Deutschland aufzutreten, das war so recht nach meinem Sinne! Trotzdem ich schon in den Vierzigen stand, trotzdem ich rasch und unregelmäßig gelebt hatte, war ich doch noch immer ein Mann, der an, und bei Damen Gefallen fand .... ich konnte in Deutschland als reicher Cavalier eine Rolle spielen, wie sie einst meiner üppigen, jugendlichen Phantasie als höchstes Glücks-Ideal vorgeschwebt hatte. Ich hatte, stets von der Hoffnung geleitet, einmal wieder nach Europa zurückzukehren, mein riesiges Vermögen, nicht immobilisirt, es ward mir leicht, Amerika zu verlassen. Ich ging unter dem Namen Eduard von Fallenberg nach Europa. Ich war vorsichtig genug, bevor ich den deutschenBoden betrat, mich erst längere Zeit in London und Paris aufzuhalten. Der gute Name, den ich usurpirt hatte, mein großes Vermögen, elegante Tournure, ein gewandtes Benehmen, erschlossen mir alle deutsche Kreise in diesen Städten. Ich konnte mich nach und nach in die neuen Verhältnisse einleben, fand dabei Gelegenheit mich über die Familie Fallenberg noch genauer und gründlicher zu informiren und als ich endlich gehörig vorbereitet, entschlossen war, nach Deutschland zurückzukehren, eilte mir der Ruf voran. Eduard von Fallenberg, der vor Jahren ausgewandert, habe in der neuen Welt, vielleicht auf den Goldfeldern, ein großes Vermögen erworben und dieses noch durch glückliche Speculationen im hohen Gerade vermehrt. Ich habe es gesagt, ich hatte plötzlich Heimweh, die Lust in Deutschland zu wohnen, empfunden, aber die Klugheit gebot bei der Wahl meines Aufenthaltsortes vorsichtig zu sein. Ich mußte Oesterreich sowohl; — wo ich — Süddeutschland, wo Fallenberg bekannt war, meiden. Auch Berlin mochte ich nicht als Domicil wählen, da der Zusammenfluß von Fremdem die Entdeckung der wahren Verhältnisse möglich machte. Das Leben einer Großstadt mochte ich nicht entbehren, nach längerem Schwanken entschloß ich mich. da mir auch fast keine andere Wahl blieb, für Breslau. Ich fand dort eine höchst freundliche Aufnahme. Ein unglücklicher Zufall führte mich in LöwenstammS Haus."" Dieser zuckte zusammen. „Dort sah ich jenes Weib wieder, das ich einst geliebt, die mich verschmäht .... nicht Zeit, nicht Leid hatten ihr die zauberische Anmuth geraubt, die einst mein heißes Blut zur Raserei '— dann zur Rache aufgepeitscht hatte. Herr von Eberstein, als ich Ihnen vor langen Jahren meine Liebe zu Lorchen Borberg gestand, da hatte ich es nicht ausgesprochen wie ich dieses Weib liebte! .... Ich sah Eleonore und neben ihr, ihre Tochter Susanne, das wunderbare Ebenbild ihrer Mutter, eine vollendete Schönheit. entzückend und berückend, geschmückt mit den schönsten, reichsten Gaben der Natur. Die helle Gluth der Leidenschaft erwachte in mir mit einer Heftigkeit, wie ich sie kaum mehr zu empfinden zu können, geglaubt hatte. Eleonore hatte mich vor Jahren zurückgewiesen .... nun denn, so wollte ich ihre Tochter um jeden Preis besitzen. Ich warb um Susannens Hand .... sie wurde mir verweigert .... zu welchem neue Schurkenstreiche mich meine blinde sinnliche Leidenschaft und Nachsucht hinriß — daS werdet Ihr wohl durch ihn (Zöllner deutete auf Löwenstamm) erfahren haben." Dieser athmete lief auf, Helle Schweißtropfen perlten auf seiner Stirne. (gorsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. VerantwortlicheRedaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)