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Der Israelit · 1876-01-12 · Heft 2 (12.1.1876) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 2 (12.1.1876)
Date
1876-01-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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27 gestürzt, neue Reiche gegründet wurden: die Juden zeigten doch noch etwas Festes und Bestehendes. Zwei Jahrhunderte verstrichen, ehe die wandernden Völker in den von ihnen eroberten Provinzen ruhig verblieben. So viele Sitten auch diese große Bewegung verwandelte, so viele Gewohnheiten, Sprachen, Religionsweisen dabei auch untergingen: die Juden behielten, was sie hatten, blieben, was sie waren, standen wie ein fester Thurm mitten in der Brandung. Sie zeichneten sich damals aus durch ihre Kenntnisse, — denn die andrängenden Völker waren größtenteils unwissend und roh und wurden daher von den Römern auch insgesammt „Barbaren" genannt. — Die Juden wendeten ihre Kenntnisse an, sie benutzten die Zeit und die Umstände, gelangten zu Reichthum und Ansehen. Sie richteten ihr Benehmen und Verhalten gegen die verschiedenen „B arb aren" ein, fügten sich ihren Ansichten, lauschten nach ihren Bedürfnissen und folgten so dem Strome der Bewegung, bald dahin, bald dorthin, — den Vortheil immer im Auge behaltend, die eigene Nationalität auch im geringsten Grade nicht ausgehend. Blicken wir weiter. Ihr Vermögen und ihre Gewandtheit machten sie überall angenehm. Brauchte man Geld, so lieh man von ihnen und leider — man nahm es ihnen auch mit Gewalt-. Welche Verfolgungen und Mißhandlungen haben sich später die Christen gegen sie erlaubt! Mochte dies zuweilen aus blindem Religionseifer geschehen, weit öfterer doch blickte man dabei auf das Geld der Juden, oder man suchte sie als Gläubiger loszuwerden, verdächtigte sie daher, stellte sie als gefährlich hin. Man klagte sie an, daß sie das Kreuz verspottet, daß sie sich an heiligen Gefäßen, an Hostien vergriffen, daß sie Christenkinder gestohlen und getödtet, Brunnen vergiftet und noch andere Verbrechen begangen haben sollten. Selbst wenn irgend eine Landplage kam, klagte man sie in alter Zeit als die Ursache davon an und ließ schwere Verfolgungen gegen sie eintreten. So oft auch diese Nation unter dem Drucke der Christen zu versinken schien, immer und immer arbeitete sie sich wieder empor. Man denke an Spanien. Hier lebten nach dem Jahre 700 sehr viele von ihnen. Ihr Verhalten in diesem Lande, wo damals die Araber oder Sarazenen herrschten, war ein ausgezeichnetes. Sie legten gelehrte Schulen an, trieben Arzneikunst und Mathematik und nahmen überhaupt eine höhere Stufe der Bildung ein. Nicht mehr in ihrer alten hebräischen Sprache redeten sie; sie nahmen in Spanien die Sprache 1>es Landes an, in welchem sie lebten; in Deutschland bedienten sie sich der sogenannten jüdischdeutschen Sprache. In Spanien erhob sich damals eine neue Blüthezeit ihres Wohlstandes, ihrer Gelehrsamkeit, ihres Ansehens. In den Städten von Frankreich, Italien und Deutschland räumte man ihnen seit dem elften Jahrhunderte eigene Plätze und Gassen ein. Leider ward diese Vergünstigung später ihr Unglück. Denn bei eingetretenen Verfolgungen, wie sie, zur Schande der Christen, häufig kamen, stürmte man diese „Judengassen" und in wenigen Stunden wurden nicht selten Tausende die Opfer der christlichen Volkswuth. — Als völlig einheimisch, als ansässig, irgend einer christlichen Zunft oder Innung angehörend, durften sie damals noch nicht bestehen. Wiederholte kirchliche und landesherrliche Beschlüsse erklärten sie geradezu für unfähig zum Mitgenusse bürgerlicher Rechte und zur Bekleidung öffentlicher Aemter. Nur gegen Erlegung hoher Abgaben genossen sie einigen landesherrlichen Schutz. Versuche zur Bekehrung zum Christenthume wurden allerdings gemacht. Daß diese Versuche mißglückten, kann nicht befremden. Was hätten die Juden davon auch Besseres gehabt! Die Behandlung, die sie erfuhren, mußte sie ja von dem Christenthume abschrecken; die christlichen Pfaffen standen ja überdieß nicht auf der sittlichen Höhe, wie ihre Rabbiner. Auch Spanien und Portugal machten am Ende des 15. Jahrhunderts gewaltsame Bekehrungsversuche mit ihnen. In Massen wurden sie getauft, aber sie wichen dabei nur der Gewalt. Sobald der Sturm vorüber, sah man sie wieder in ihren Synagogen. Von dem toll eifrigen König Ferdinand in Spanien wurden eine halbe Million aus dem Lande vertrieben.*) Die Reformation im 16. Jahrhunderte, durch Luther angeregt, brachte keine Rettung für die Juden. Bedrückung und Verspottung blieben; heute noch sind sie vorhanden. Die Christen haben in der That noch Vieles gut zu machen. Einzelne Regierungen erkennen das, — aber möge man es nur immer mehr erkennen! Möge jeder Christ die Humanität und daS Reinmenschliche höher achten, als die kirchliche Glaubensform. *) Anm. der Red. des „Jsr." Nicht Ferdinand war der tolleifrige Vertreiber der Juden, sondern seine Gemahlin, die eigentliche Regentin des Landes, I s a b e l l a, die Katholische. Ferdinand wollte sie schützen, war aber zu schwach. Ferdinand hätte ger» das ihm angebotene Lösegeld von 30,000 Goldgülden genommen und die Juden im Lande gelassen. Aber Torquemado, der Großinquisitor und Beichtvater Jsabellens, wußte die Vertreibung durchzusetzen.

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