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Der Israelit · 1876-01-05 · Heft 1 (5.1.1876) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 1 (5.1.1876)
Date
1876-01-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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10 pefth führen wird. Er nimmt ihn an, weil er der ungarischen Industrie, insbesondere der hschentwickelten Mehl- und Spiritusindustrie, welche auch dem Landwirthe zugute kommen, förderlich ist. Und er nimmt ihn an, weil er, wenn wir ein separates Zollgebiet haben werden, noch vorteilhafter sein wird, als er heute wäre. Nur einen Punkt will er berühren. Er ist Jude und ihm rhut es weh, daß der Vertrag den Juden in Rumänien rechtlos läßt. Es fällt ihm nicht ein, zu verlangen, daß die Regierung wegen der Juden sich in Fatalitäten mit einem fremden Lande bringe; aber er hätte von Tißa eine entschiedene Antwort erwartet, aus welcher zu ersehen wäre, daß die ungarische Regierung sich der jüdischen Vaterlandssöhne gegenüber den unduldsamen Rumänen energisch angenommen habe. Uebrigens sei dies keine Judenfrage allein, sondern eine allgemeine Geschäftsfrage. Ungarische Juden haben dem ungarischen Mehle in Paris und dem ungarischen Weine in London einen reichen Absatzmarkt errungen. Wenn die ungarischen Juden nicht nach Rumänien gehen — und angesichts der ihrer dort harrenden Unduldsamkeit werden sie nicht hingehen — dann nützt kein Vertrag, dann wird Ungarn mit Rumänien keine prositablen Geschäft" machen. Auf diese Bemerkur: erwiderte der Ministerpräsident, er habe A!,s gethan, was sich habe thun lassen und uun selbst thue es leid genug, daß nicht das erreicht werden konnte, was recht und billig wäre. Einen Fortschritt bedeute der Vertrag immerhin und in den Städten, wo schließlich der Handel sich coucentrirt, dürfen die Juden sich unbehindert ansiedeln. Nun springt Jstoczy aus. Bl-ich wie ein Gespenst, fieberhaft erregt, mit den Händen herumsuchtelnd, stößt er die Frage hervor: Soll ich heute oder erst morgen sprechen? Es ist bereits spät. Man ruft: heute. Er spricht. Nicht von der Vorlage will er sprechen, sondern von den Juden. Die Juden wollen die ganze Welt beherrschen und Chorin und Wahrmann wollten das Parlament verführen, wegen der Juden mit Rumänien Krieg zu führen. Es schickt sich gar nicht, hier die Institutionen eines befreundeten Landes zu kritisiren, das sollte die Großmacht Presse thun, die ja ohnedies im Besitze der Juden ist. Rumänien hatte seine Gründe, die Juden von sich fcrnzuhalten. Und nun liest er einen Kammerbericht aus Bukarest vor, worin ein edler Rumäne die Juden Wucherer, Leuteaussauger u s. w. nennt. Redner fügt diesen Komplimenten noch einige aus der eigenen Vorrathskammer hinzu, wobei er bald Wahrmann, bald Chorin anspricht und von Esat-ir und Miletics mit aufmunternden Zurufen unterstützt wird — die übrigen Abgeordneten lachen. Als Jstoczy geendet hatte, ergriff Csernätony nach einer kurzen Besprechung, die er mit Tißa vor der Saalthüre gepflogen, das Wort, um zu erklären, daß er nur darum spreche, damit solche Reden, wie sie Jstoczy eben geführt, im ungarischen Parlamente nicht unerwidert bleiben. Auch ich habe gegen Juden gesprochen und geschrieben, sagt er, und werde es wieder thun; das sind solche Juden, welche dem Magyarismus feind sind. Aber es gibt noch andere Leute, die germanisiren, und es ist etwas Anderes, seine Mitbürger zu ermahnen, als dieselben rechtlos machen zu wollen. Im Interesse der Humanität und der Civilifation darf in jedem Parlamente jeder Abgeordnete sprechen, und Wahrmann hatte Recht, während Jstoczy aus Fanatismus und aus religiösen Motiven eigene Mitbürger angreift. Jstoczy beginnt wieder zu reden, doch ruft Ghyczy ihm zu: Meint der Herr Abgeordnete nicht, daß er bereits genug geredet habe? Darauf wird unter großer Heiterkeit die Sitzung geschloffen. Pesth. In einem hiesigen Cafehause, wo alle Abend polnische Vorsänger singen, fand sich dieser Tage eine zahlreiche Gesellschaft ein. Auch viele Ossiziere waren daselbst, welche den polnischen wunderlichen „Trillern" sehr gerne lauschten. Als der Gesang vorüber war, unterhielten sich die Offiziere mit interessanten Kriegsgeschichten. Da erhob sich plötzlich ein Jude mit langem Barte in polnischer, aber sehr reinlicher Kleidung und sagte: „Meine Herren! Auch ich war einst Offizier in der Honved-Armee. Ich werde Ihnen ebenfalls eine interessante Geschichte aus meinem Kriegsleben erzählen: „Es war im Jahre 1849, als ich während eines heftigen Kriegsgefechtes einen Kameraden mit Lebensgefahr aus den Händen der Feinde rettete. Obwohl derselbe zu meinem Regimente gehörte, kannte ich ihn doch nicht persönlich, weil ich in der ersten, er hingegen in der vierten Kompagnie diente. Kaum hatte ich dem Unglücklichen die Armwunde mit einem Stücke meines Hemdes verbunden, als bei uns zum Rückzüge geblasen wurde. Ich konnte daher nichts thun, als den Kranken unter einen verstecklen Baum zu tragen. Dort gab er mir ein versiegeltes Packet zur Aufbewahrung, worauf ich schnell davoneilen mußte. 28 Jahre sind seitdem vergangen, und noch weiß ich nicht, was aus jenem Unglücklichen geworden. Dies thut mir um so mehr leid, als ich noch immer das „versiegelte Packet" aufbewahre, um es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückgeben zu können."

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