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Der Israelit · 1875-12-29 · Heft 52 (29.12.1875) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 52 (29.12.1875)
Date
1875-12-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1160 damals? — damals waren wir ja schon ein halber Gelehrter. . . wir waren ja sechzehn Jahre alt . . . und jetzt? den hölzernen Säbel, das höchste Ziel Deiner einstigen Wünsche -- wenn Du den im Spielzimmer Deines Kindes oder Enkels findest — hebst Du ihn wohl kaum vom Boden auf. An die ungerechte Zurücksetzung, die Du als Knabe im Gymnasium erfahren, erinnert Dich vielleicht jetzt nur Dein glücklicher Nebenbuhler, der.als Co piff Deine Manuscripte abschreibt und Dich seufzend um Deinen Schriftftellerruhm beneidet... Wie oft verfallen bei Dir unbenützte, abonnirte Theaterkarten? — Ich wiederhole es, nicht was uns schmerzt, sondern wie es schmerzt, das ist für den Betreffenden die Hauptsache. Der arme, schamhafte, ehrliche Krämer, der fünfundreißig Jahre lang sich und die Seinigen redlich ernährte, und am Schlüsse, einer freudelosen, mühevollen, dornenreichen, armseligen Laufbahn die Schande seines kleinen Bankerottes nicht überleben kann, hat bestimmt mehr gelitten als Napoleon bei Sedan, der seinen tiefen Fall, den Sturz seiner Dynastie, den Fall seines Vaterlandes, denn doch zu überleben vermochte. Moses Budweiser war heute das erstemal in der Synagoge mit dem Chower zur Thora gerufen worden, und es hatten sich, Vormittags, nach dem Gottesdienst viele Gratulanten eingestellt. Die kluge Bele hatte vorsorglich darauf bedacht — sich vorgesehen, und die Freunde ihres Gatten fanden einen reich besetzten Tisch, Fische, Zungen, Braten, Wein, Liqueur. — Budweiser war kein Freund solcher Förmlichkeiten, aber an der Wärme und Herzlichkeit, mit der ihn Jeder beglückwünschte, sah er mit Vergnügen, daß er lauter gute Freunde hatte, und das' that seinem offenen, biedern Herzen wohl. Namentlich waren es die Besucher der Pinkassynagoge, zu denen auch erzählte, die Chewramitglieder und die Nachbaren, die sich eingefunden. Von den letzteren war sogar Reb Wolf Moscheles, der Gemeindevorsteher, der Besitzer und Bewohner des Vorderhauses, erschienen. Ein einziger , der gleichzeitig allen diesen drei Kategorien angehörte, Jakow Wodolka war nicht gekommen, und er war Budweiser's ältester Bekannter, sie kannten sich fast von ihrer Geburt an, er war sein nächster Nachbar! Auch in dem bravsten, selbstlosesten Menschen kann die Selbstliebe verletzt werden, diese regte sich nun endlich doch in Budweiser gegen Wodolka. „Warum soll er nicht auch kommen mir zu wünschen," dachte er in seiner biedern Weise, „bin ich ihm denn ein Feind? mich soll's angehen *), was ich ihm wünsche!" und als er gerade mit einer gewissen Bitterkeit an Jakow Wodolka dachte, durchzitterte ein Krach das ganze Zimmer. Budweiser kannte ihn aus langer, reicher Erfahrung, das war Tells Geschoß! — Das war Jakow Wodolka's Thürzubember! Einige alte Leute zuckten erschreckt zusammen; und unwillkührlich entfuhr es Budweisers Lippen: „Haast ein Untam!" Gerschom Danziger aber, dessen natürliche Schüchternheit durch den Genuß einiger Gläser Wein, siegreich aus dem Felde geschlagen war, und der sich in einem entschieden, angeheiterten Zustande befand, ließ seinem fast ängstlich, eingedämpften Humor freien Lauf und rief lustig : So verwohr soll Pare1 2) hundertfünfundsiebenzig Jahr von heute an gesund und glücklich leben!3 4) — das ist ein Kanonenschuß — das Malchus^) §at5 * *) schießen, lechowed«) des neuen Chowers und Gabbe; die Kowed?) hat noch kein Mensch in der Kitte gehabt — wie ich die Woch' den Oberstburggrafen 8) seh, muß ich mich bli Netzer3), Namens der ganzen Chewre bei ihm bedanken, wenn ich nur nit just e schweren Kasten auf dem Buckel trog, wenn ich ihn treff!" Der drollige Einfall Danzigers fand allgemeinen Beifall, blos Feiwel Jerig, der sich allen Parteien anschließend, auch hier unter den Gratulanten befand und eben im Begriffe war, Bele Budweisers Küche werkthätig Anerkennung angedeihen'zu lassen, erschrak heftig. Er war' so oft .bei Wodolka im Hause, daß er dessen Schwäche für starkes Thürzuschlagen kannte. Er war Wodolka seit dem kläglichen Fiasco, das seine agitatorische Thätigkeit erlitten, scheu aus dem Wege gegangen, aber war das auf die Dauer ausführbar? Zerrissen denn seine zahlreichen Buben keine Kleider? — wer sollte sie — die Kleider nämlich — flicken? — und wenn Geld zum Zins fehlte, und wenn zufällig — und dieser unangenehme Zufall trat leider sehr oft ein, Bäcker und Holzhändler mahnten und er — Feiwel Jerig nämlich — kein Geld hatte — wer war so bereit- 1) mir soll das zukommcn. 2) Pharao der Egypterkänig. 3) (Sin scherzhafter Schwirr mit dem man eine offenbare Lüge als Scherz bekräftigt 4) Regierung. 6) zu Ehren. 7) Ehre. 8) So wurde der bömischc Landes-Ehes damals genannt. 0) ohne das ich den Vorsatz als Gelöbnis; betrachte' Dies fügte jeder fromme Jude, wenn er einen Vorsatz aussprach, denn cs heißt in der Schrift: „Was Dein Mund ausgesprochen mußt Du halten.

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