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Der Israelit · 1875-12-29 · Heft 52 (29.12.1875) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 52 (29.12.1875)
Date
1875-12-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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1161 Willig, es ihm zu borgen, als Jakow Schneider? Mußte er gerade jetz? an die wohlverdiente Ungnade, Jakow Schneiders, gemahnt werden; — in dem Momente, wo er — die genaueste Bekanntschaft eines verlockend duftenden Gansviertels beginnen wollte? — Aber Feiwel Jerig war ein seelenstarker Mann, er besaß Geistesgegenwart genug, das Gansviertel aufzuessen, zur nachhaltigern Wirkung eine Räucherwurst von anständigster Dimension darauf zu legen, und diesen festen Substanzen durch den Nachguß einiger Gläser Wein, die Assimilation in sein Fleisch und Blut zu erleichtern. Dann sich am Rockärmel „den fetten Mund abwischend, beschloß er seufzend den schweren Gang zu Wodolka. Er wollte den Löwen in seiner Höhle aufsuchen. — Während er die knarrende Stiege zum zweiten Stock, mit einem leichten Frösteln, emporstieg, monologisirte er. „Wenn er mich die Stieg hinunterwirft, nit das liegt es mir auf," er schwippte geringschätzig mit den Fingern, aderabbe 10), wenn er fei Rigse ausgelassen h >t") — is besser! — kenn' sein, schenkt er mir noch etwas extra! — aber wenn er gar nix redt — und geht hinein in die Stub, un lat mich allein in der'Kammer — Feiwel Jerig, Feiwel Jerig! ..... dann steckst Du in e verschwarzt") mise^) Haut! . . . ." Als Feiwel langsam und sittiglich die gute Stube Wodolkas betrat, fand er diesen hemdärmlig am Tische sitzend. Vor ihm lag zwar ein Sefer u), aber seine Gedanken waren offenbar nicht bei dem Buche. Der Schneider hatte schon in der Synagoge die Absicht gehabt, sowie die Andern Budweiser zu besuchen und ihm zu gratuliren. Dieser sollte nicht glauben,,daß er ihm Chower- und Gabbestelle beneide. Er wollte sich Zwang anthun und unbefangen erscheinen; aber als er an Budweisers Thür anlangte, ward seine Natur stärker als sein guter Wille. Er erinnerte sich unglückseligerweise, daß Budweiser ihm beim Ankäufe des ersten Stockwerkes den Vorrang abgelaufen, daß dieser Schuld daran trage, daß er jetzt immer zwei Treppen, statt einer steigen müsse, er erinnerte sich, wie er ihn überdies gezwungen, zum Stiegenbau des ersten Stockes beizutragen — er, er wäre lieber wie eine Taube auf einer Leiter zu seiner Wohnung emporgehüpft» als diese Beisteuer zu leisten — wie Budweiser sich „heimtückisch, recht heimtückisch" — dachte er gereizt bei sich, der Beisteuer zu 10) iin 0,'egeirtheil. 11) wenn sein Zorn verlodert ist. 12) miserable. 13) elende. 14) hebräisches Buch. seinem Treppenbau entzogen, und lieber auf das Benutzungsrecht der Sukke verzichtet hatte, — und da — da — zum Ueberfluß stand sie wieder sperrangel weit offen; die unselige Doppelthüre, wegen welcher er erfolglos mit Budweiser processirt hätte — man mußte ja beim Vorübergehen an diese streifen und sich bestauben! — schwups! flog sie krachend zu. — Freilich in der Aufregung hatte er vergessen, daß sich bei Budweiser eine zahlreiche Gesellschaft befand. Es that ihm gleich darauf leid. Budweiser und die Seinigen waren wie die Bewohner einer langen Zeit belagerten Stadt an ein Bombardement, — an diese kräftigen Donnerschläge gewohnt, aber was, mußten sich die fremden Leute nur denken?! — Ein brennendes Roth überflog sein Gesicht — und jetzt konnte er doch nicht hmeingehen und Glück wünschen?! „fatale Heftigkeit! dachte er wortlos — und mürrisch, und verdrießlich warf er seinen guten Vorsatz heute ausnahmsweise den freundlichen Nachbarn zu spielen, über den Haufen und, und stürmte — über Budweiser, die Chewremitglieder, das Rabbinat, die ganze Welt, sich selbst mit eingeschlossen, aufgebracht in seine Wohnung. „Wenn Budweiser den Leuten sagt, ich Hab' die Thür zugebemmbert, sagen sie, ich bin ein Grobian" murmelte er wehmüthig vor sich hin — „UN .... sie haben recht; — aber aus dem machet ich mir nix — aber sie werden denken und sagen, ich bin Mosche mekanne 13) — das verdrießte mich ja stark!" In der Regel Pflegt der Mensch, der mit sich selbst unzufrieden ist, gegen andere entweder sackgrob; oder — wenn er schon etwas mürbe geworden , und in das Stadium einer heilsamen Zerknirschung gelangt ist, deh- und wehmüthig zu werden. Der Schneider schwankte zwischen diesen beiden entgegengesetzten Polen. Zum Glück für ihn. war seine Frau nicht zu Hause, sie war zu einer Bekannten, die einen Aufstand ,6) machte, gegangen und er brauchte sich äußerlich keinen Zwang aufzuerlegen. Er ging zuerst mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, endlich nahm er, um sich zu zerstreuen, ein Sefer zur Hand; aber er hatte keine Geduld darin zu lesen. „Wenn nur etwas e Unterhaltmensch 17) käme, der mich ausschlagen.^) möcht!" dachte er und in dem Moment trat — glücklicher Zufall — Feiwel Jerig ein. _ (Fortsetzung folgt.) 15) beneide ihn. 16) Feier eines glücklich überstandcnen Wochenbettes, l?) unterhaltender Mensch. 16) zerstreuen.

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