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Der Israelit · 1875-12-29 · Heft 52 (29.12.1875) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 52 (29.12.1875)
Date
1875-12-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XVI. Jahrgang. Erste Leilage )tt Ar 52 -es Israelit. Zettungsnirchrickten und Correfpondenzen Oesterr.-Ungarische Monarchie. Pefth, 13. December. Ergebenst ersuche ich Sie dem nachfolgenden Artikel aus dem „Budapester Journal" einen Raum im „Israelit' zu gewähren : In den Hörsälen der Wiener Universität ertönt ein wüstes Geschrei: Hinaus mit den Juden _! Die Fackel der Wissenschaft, die dort leuchtet, ist nicht strahlend genug, um die Köpfe junger, verbildeter Fanatiker zu erhellen, ihre Flamme reicht nicht hin, um die Herzen dieser jungen Leute zu erwärmen. Der Hörsaal, diese heilige Stätte, wird zum Tummelplätze niedrigen Streites, mit Mühe gelingt es die Ruhe wieder herzustellen, damit der Vortragende Lehrer zu Wort kommen kann. Hinaus mit den Juden! nicht zum ersten Male ertönt dieser Ruf und wie oft wird der Genius der Menschheit noch sich schaudernd und beschämt hinwegwenden müssen von den Ausbrüchen der Roheit derjenigen, die Brüder sein sollten! Ich denke zurück an die Vergangenheit.. Jahre fliegen an meinem geistigen Augen vorüber, ich bin wieder ein trotziger Knabe, ich befinde mich in einem kleinen, elenden verkommenen polnischen Landstädtchen an der russischen Grenze. Ein bleiches Kindergesicht mit großen, klugen, dunkelbraunen Augen taucht in meiner Erinnerung auf. Ich kannte den kleinen Judenjungen ganz genau, ich lachte wohl auch über ihn, wenn er an den Hausern entlang hinschlich nach seiner väterlichen Hütte, wenn' er zitternd und furchtsam sich hinter eine Thüre versteckte, wenn mein unzertrennlicher Begleiter, Neptun, ein riesiger Neufoundländer, laut bellend vor mir hertrabte. Ich lachte über des schwächlichen, bleichen Kindes Furcht, denn ich wußte ja ganz genau, Neptun thut Niemanden was zu Leide, am allerwenigsten Kindern, denn er spielte ja den ganzen Tag mit mir und meinen Kameraden, er war sogar mein liebster Spielkamerad und als einmal der kleine Ernst, unseres Nachbars Knabe, ins Wasser fiel, sprang Neptun nach und brachte das halbtodte Kind aus dem Teich heraus. Und das Alles wußte ich ja ganz genau und deßhalb lachte ich, wenn ich sah, daß der kleine Moses Arnheim sich .vor meinem Neptun fürchtete.. Ich kannte auch den alten Arnheim! Ein kleiner gebückter, armer Mann, der mit einem Bündel immer geschäftig durch die Straßen eilte, daß seine grauen Locken im Winde flatterten und der lange abgetragene Kaftan um die Füße schlug. Dann war es einmal um das jüdische Ostern herum und ein Kamerad hatte mir erzählt, daß die Juden Christenklnder schlachten. Das wollte ich mitansehen und Abends schlich ich mich in die niedrige Hütte Salomon Arnheim's. Neptun schmiegte sich dicht an mich, er bellte nicht, als ob er es errathe, daß er mich durch sein Bellen verrathen konnte. Ich schaute zum Fenster hinein. Eine Helle Lampe hing von der Decke herab und der alte Arnheim saß in einem weißen Gewände und las aus einem alten Buche feierlich etwas vor und der kleine Moses faß andächtig dabei und seine Mutter und die anderen Kinder. Ich schlich mich leise hinweg, ich schämte mich fast, daß ich so neugierig gewesen, aber ich wußte nun ganz genau, daß an' ihrem Osterfest die Juden keine Christenkinder schlachten. Auf der Universität sah ich Moses Arnheim wieder. Er war noch immer so klein und schwächlich, er hatte noch immer die großen klugen und braunen Augen. Und er war arm, blutarm, aber der Fleißigste von uns allen. Er studirte mit wahrem Heißhunger und unterrichtete nebenbei die Kinder reicher Leute und andere Studenten. Wir beachteten ihn nicht. Nur einmal fiel er uns auf. Ein Korpsbursche kam in den Hörsaal und setzte sich neben Moses. Breitschultig und kräftig, nahm er noch einmal so viel Platz weg, als sein Nachbar. Moses bat ihn, ihm etwas Platz zu machen, es kam zu einem Wortwechsel. Judenjunge! brauste plötzlich der Korpsbursche auf. Tiefe Stille trat ein; nach Studentensitte mußte der Beleidigte jetzt eine Herausforderung folgen lassen. Doch Moses richtete sich hoch empor, feine großen braunen Augen hefteten sich mit druchdringender Gewalt auf das Gesicht seines Gegners und mit ruhiger, klarer Stimme sagte er: „Ich bin stolz darauf, ein Jude zu sein!" Dann drehte er seinem Beleidiger den Rücken zu. Moses Arnheim war Arzt geworden. Er hätte können in der großen Residenzstadt bleiben, wo er seine Studien vollendete, die berühmtesten Professoren schätzten ihn und achteten seine Kunst und Gelehrsamkeit, sein Ruf war durch anerkannte medizinische Schriften in der wissenschaftlichen Welt begründet. Ein Leben voll Ehren, Auszeichnung

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