Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-12-29 · Heft 52 (29.12.1875) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 52 (29.12.1875)
Date
1875-12-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447644--12092-2467904
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1151 lobten der Mischen Synagoge." Redner setzte znnächst die Ursachen auseinander, welche verschuldet haben, daß diese merkwürdigen Gesänge in außerjüdifchen Kreisen fast gar nicht beachtet worden sind, zu welchen Ursachen vornehmlich die Entartung des Synagogalgesanges, die vom Ende des Vorigen Jahrhunderts bis in das zweite Viertel des jetzigen geherrscht hat, gehöre. Die Gesammtheit der überlieferten Synagogalweisen theilt Redner in zwei Gruppen, von welchen der einen, unverkennbar dem modernen Musikgeiste entsprungen, ein Alter von 100 bis 150 Jahren zuzuschreiben sei, wogegen die andere, von fremdartigem Gepräge, entschieden ein weit höheres Alter habe. Nachdem Redner die Eigenart dieser älteren Gesänge beschrieben, widerlegte er durch verschiedene Gründe die vielfach aufgestellte Hypothese, daß dieselbenvon den-Tempelaesängen zu Jerusalem herstammen, und führte mehrere Argumente an, welche die Entstehung dieser Melodien — oder der ersten Keime derselben — im Mittelalter, und zwar gleichzeitig mit den Anfängen der großen neue Musikentwickelung (etwa ums Jahr 100O) wahrscheinlich machen. Der berühmte Kol-Nidre- Gesang scheine älter als die übrigen, und sei wohl schon zu jener Zeit entstanden, als die gregorianische Sangweise in Deutschland eingeführt wurde, mit deren Eigcnthümlichkeit der Kern jener Melodie deutlich erkennbare Verwandtschaft zeige. Die innerhalb des Deutschen Reiches entstandenen Synagogalweisen wurden um 1400 durch die Autorität des berühmten Rabbiners Jacob Lewi in Mainz (auch Maharil genannt) gefestigt und sanctionirt, indem derselbe die Aufrechthaltung der eingeführten Weisen zur religiösen Pflicht machte. Von Deutschland aus haben sich im Laufe der Zeiten die Melodien in alle anderen europäischen Länder übertragen; eine gänzliche Ausnahme bildet nur Spanien, woselbst ganz andere Gesänge im Gebrauch waren, die noch heute in den sogenannten „portugiesischen- Gemeinden fortleben. (Redner brachte einige Beispiele der spanischen Gesänge auf dem Klavier zu Gehör). So wurden nun die Melodien von Geschlecht zu Geschlecht überliefert, mit mannigfachen Modifikationen zwar, aber die ursprünglichen Grundbestandtheile treu festhaltend. Die letzte Modifikation haben sie durch die Judenschaft Polens erhalten, welche in den letzten Jahrhunderten vorzugsweise die Pfleger des Synagogalgesanges waren. Den allmähligen Ausbau der Melodien von einfachen zu reicheren musikalischen Gebilden machte Redner am Kol- Nidre-Gesang anschaulich — Herr Wolfs unterstützte seinen mündlichen Vortrag durch eingeflochtene Klaviervorträge, in dem er aus den neuerschienenen, von ihm und Herrn Cantor A. Marksohn in Gemeinschaft herausgegebenen „Synagogal- Melodien, für Pianoforte bearbeitet" etliche Piecen vortrug. — Der Bortrag fand bei allen Anwesenden (fast nur Musikern)-eine ungemein günstige Aufnahme, die auch den Vorsitzenden, Hrn. Professor Dr. Alsleben, veranlaßte, dem Redner den Dank auszusprechen und ihn zu ersuchen, den interessanten Vortrag auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen, ein Wunsch, welchem Hr. Wolff erklärte auch Nachkommen zu wollen. (Boss. Ztg.) Dresden, im Dec. Die Artikel „Aera Bleichröder-Delbrück-Camphausen und die neue deutsche Volkswirtschaft" der „Krz.-Ztg.", welche die Politik Bismarcks in einer unehrenhaften Weise zu verdächtigen suchten, indem sie behaupteten, daß Fürst Bismarck in einem Abhängigkeitsverhältniß zu Bleichröder stehe, und von den jüdischen Abgeordneten beeinflußt wird, sie — die Schmähartikel —. haben nun auch die sächsische „Krz.-Ztg.", „Neue Reichsztg." zu mehreren „Judenhetzartikel" angeregt. — Seit dem 1 . Oktober sind vier Artikel über „die Judenfrage — der wahre Culturkampf" erschienen. Die vier Artikel enthalten so viel unlogisches, abgedroschenes, gehaltloses Material, daß es gar nicht nöthig wäre, darüber ein Wort zu verlieren. Allein die Keckheit der „Reichsztg." in Nr. 71 zu sagen „Wie unangenehm den Juden besonders diese Enthüllungen aus dem Talmud sind, geht daraus hervor, daß sie die betreffenden Artikel der „D. Lds. - Ztg." vollkommen todtschweigen", veranlaßt uns, „dem Thoren zu antworten nach seiner Thorheit, daß er nicht klug sei in seinen Augen." — Spr. 26. Die „Reichsztg." in Nr. 71 sagt: „Beide Blätter („Kreuz.-" und „Landesztg.") brachten eine reiche Blumenlese tatsächlichen Materials über die Judenfrage und haben sich zugleich das Verdienst erworben, aus der nun in vierter Auflage erschienenen Broschüre des Prof. Rohling in Münster „der Talmudjude", die Wurzel der Judenftage in dem jüdischen Religions- und Sittengesetz des „Talmud" nachzuweisen. Keinen Satz aus der genannten Broschüre führt die „Reichsztg." an, weil es ihr selbst bekannt sein muß, daß Rohlings Broschüre vielfach gründlich widerlegt worden ist. Sie sucht deßhalb einen leichteren Weg zu wählen, und sucht im Namen des Talmuds Dinge, die gar nicht im Talmud stehen. Sie sagt in Nr. 111 „Die Bekenner aller anderen Religionen sind ihm rechtlos und nicht besser als das Vieh. Das Judenthum ist die intoleranteste von allen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.