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Der Israelit · 1875-12-22 · Heft 51 (22.12.1875) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 51 (22.12.1875)
Date
1875-12-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1139 gewesen und hatten sich des Wortes enthalten, so entstand jetzt ein wildes chaotisches Durcheinanderschwirren, und obwohl sich offenbar alle Stimmen für Budweiser vereinigten, bot doch Jeder Alles auf, um seine Weisheit auSzukramen, und eine neue, bisher noch nicht gekannte Vortrefflichkeit des plötzlich in den Vordergrund getretenen populären Budweiser in das richtige Licht zu stellen. Reb Wolf Zodex, der ursprünglich das ihm übertragene Amt eines Alterspräsidenten abgelehnt hatte, machte es nun wie die Könige der Vorzeit, die, nachdem die Feldherren die Schlachten geschlagen, auf dem Blachfeld erschienen, um den Ruhm zu ernten. Jetzt, nachdem die Sache leicht zu Ende zu führen war, wollte er gern die mühelose Leitung übernehmen. Er legte beide Hände an die Ohren, welche leicht verständliche Pantomine auödrücken sollte, daß ein mit gewöhnlichen Hörorganen ausgestatteten Sterblicher bei dem Höllenlärm taub werden könne; dann klopfte er mit seiner silbernen Dose kräftig auf den Tisch, und als die Schreier nach und nach respectvoll verstummten, rief der Alterspräsident Garkoch: „Pst! komalich!*) sonst kommen wir zu kan ^Nun müssen wir wieder dem freundlichen Leser in Erinnerung bringen, daß der parlamentarische Apparat , der heute Jedermann geläufig ist, der damaligen Generation gänzlich abging. Abstimmung durch Händeaufheben war unbekannt, und em derartiger Vorschlag in diesen Kreisen hätte entweder endlose Heiterkeit oder den Verdacht hervorgerufen, der Proponent befinde sich nicht im vollen Besitze aller seiner gesunden Sinne. Der einzige ausgebildete Wahlmodus, der in der Prager Judenstadt bekannt und auch geläufig war und bei den Wahlen der Beerdigungsbrüderschaft angewendet wurde, war sehr complicirt, und wurde hierbei Ballotage benutzt. In dem vorliegenden Falle war er aus vielen Gründen unzulässig, es war Samstag und der Verein besaß keine Urnen, keine weißen und schwarzen Kugeln. ES blieb nichts übrig, als daß Reb Wolf Jeden aufforderte, seinen Candidaten zu nennen. Er selbst machte den Anfang und nannte Budweiser, der zweite Stimmende war Aron Lichtenzweig, der zustimmte, der dritte, Jakow Wodolka, er stieß rasch die Worte heraus: „Euch, Reb Wolf! Ihr seid leorich der Aelteste" — erhob sich und eilte rasch von dannen, er sah, seine Sache war verloren. Der letzte der Stimmenden war Feiwel Jerig. Da sein Gönner schon weggegangen war, fühlte er, daß er sich und *) ein böhmisch-jüdisches Wort, langsam. seinen Patron nur lächerlich machen würde, wenn er dessen Name nennen würde, und auch Feiwel Jerig, der treueste Partisane Jakow Wodolka's, wählte — Mosche Budweiser! Nach vielem Hin- und Hersprechen und Schreien ward beschlossen, drei Personen zu wählen, welche Budweiser von der auf ihn gefallenen Wahl in Kenntniß setzen sollten, und wurden sie gleichzeitig beauftragt, bei dem Rabbinate um einen Chower für Moses Budweiser biltlich zu werden. Auf wen diese Wahl gefallen und wie sich die Deputation des ersten Theiles der übernommenen Aufgabe erledigte, ist aus dem ersten Kapitel bekannt. Drittes Kapitel. Wie verschieden war die Stimmung in den beiden Stockwerken des Hintergebäudes in Nummer siebenzehn der Postgasse. Budweiser im ersten Stocke, und mehr noch seine Frau. befanden sich in einer angenehmen Gemüthsstimmung. Wir haben es schon ausgesprochen, eine ungesuchte und unerwartete Anerkennung ist Jedermann erfreulich, und eine solche war Budweiser in der That geworden. Daß ihn seine Freunde — einstimmig konnte man sagen, Wodolka's dissentirende Stimme zählte gar nichts — zum Vorsteher ihres kleinen friedlichen Vereines gewählt hatten, war ihm, dem nüchternen , praktischen, ehrgeizlosen Manne nur als Beweis von Achtung willkommen; daß das BeS Din ihm über Ansuchen seiner Freunde das Chower - Diplom, das er reichlich verdiente, zusandte, erfreute ihn. Dagegen herrschte bei Jakow Schneider verbissener Ingrimm. Er war empfindlich verletzt, tief gekränkt worden. Er war nicht nur einem Gegencandidaten, der sich offenbar gar nicht bemüht hatte, erlegen, sondern er war principiell für immer aus den Reihen der Honoratioren, der Aristokraten gestrichen, seinem Ehrgeize war für immer der Weg verrammelt. Gerschom Danziger, ein Lastträger, selbst chowerlos und chowerunfähig, hatte geradezu erklärt, er, der weise Wodolka, „sei kein übler Mensch nit, aber Gabbe könne er nicht werden, ein Gabbe müffe einen Chower haben und der wäre für ihn unerreichbar!" Ein bitterer Unmuth hatte sich seiner Seele bemächtigt, was nützte ihm all' sein Geld, — Kinder hatte er keine, denen er es vererben konnte — wenn er sich damit nicht die geringste Ehre erkaufen konnte? Zu welchem Zwecke hatte er sein Leben lang Vermögen angehauft? O! warum hatte ihn sein Vater, der reiche Goldschmidt, einen Schneider werden lassen!? Man muß sich in die engen, kleinen Verhältnisse jener Zeit versetzen, um die verbitterte Stimmung des Schneiders zu begreifen. Es ist eine

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