Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 51 (22.12.1875)
- Date
- 1875-12-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1140 alte, nicht genugsam beherzigte Wahrheit; es handelt sich nicht darum, was unS schmerzt, sondern wie es uns schmerzt. — Lieber Leser, blicke zurück auf Dein eigenes Leben, und Du wirst erkennen, wie rasch Deine Anschauungen wechselten, und wie Du selbst später das belächeltest, was Dich einst unglücklich, o! sehr unglückich gemacht hatte — und der Mensch ist, will es mich bedünken, so lange er lebt, nie ganz den Kinderschuhen entwachsen! Gedenke zuerst, zuallererst, vielleicht der ältesten Erinnerung, die Du aufzuweisen hast, wie Dein Altersgenosse, Nachbars Fritz, einen herrlichen hölzernen Säbel zu seinem vierten Geburtstag erhielt , und wie Du Dich, nach den Andeutungen Deines Großvaters — o! Großvater hielt ja immer ehrlich sein Wort — der vollen Gewißheit hinzugeben berechtigt glaubtest, in vier Wochen an Deinem vierten Geburtstage auch mit einem so schönen Säbel beschenkt zu werden; — wie Du jede Nacht selig lächelnd mit dem Gedanken an den hölzernen Säbel einschliefst, und wie dieser am Morgen beim Erwachen wieder Dein erster Gedanke war — wie schön, wie farbenprächtig Du Dir das in Deiner kindlichen Fantasie ausmaltest, daß Du beim Soldatenspielen nicht mehr gezwungen sein wirst, den schweren Stock des Vaters als Gewehr zu schleppen .... einen Säbel in der Hand . . . damit so leicht salutiren zu können, wie Du es von den Offizieren sahst — ah! das war ein herrlicher, ein entzückender Gedanke! — was kann der Mensch sich noch Schöneres wünschen? — und wie Du am Geburtstagmorgen schon früh erwachtest und nicht mehr einschlafen konntest vor Ungeduld, — wie man Dich ankleidete und Du mit freudigem Herzklopfen in das Zimmer zum Großvater kamst. — wie Dich Großvater küßte und segnete und Dir — statt des heißersehnten Säbels — ein schönes Bilderbuch schenkte! — Denkt Dir's noch, wie Du da zusammenschrakst — wie unglücklich, wie elend Du Dich fühltest, wie Dir die Thränen in die Aeuglein drangen, und Du die großväterliche Hand, die Du küßtest, mit Deinen heißen Zähren benetztest — und es war ja Großvater, Dein lieber, guter Freund, der Dir Deinen ersten tiefen Schmerz bereitete, und — Du bist ja selbst schon Großvater — und Deiner ist ja schon längst hinübergegangen in ein schöneres Sein, — ich kann Dir*s also verrathen, der Säbel, nach dem Deine Seele so lechzte, — er war ja schon gekauft — er lag drinn, in dem alten braunen chinesischen Schranke — weißt Du noch? — aber der alberne, dumme Fritz! — mußte der gerade Tags zuvor mit dem Säbel in der Hand vom Schaukelpferd fallen und sich an der Wange verletzen — einen Zoll höher, und das Auge wäre verloren gewesen! — Und da litt es Deine gute, zärtliche Mutter nicht, daß Großvater Dir den Säbel gab — und, glaub* mir*s, lieber Freund! sie hätte fast mit Dir geweint, als sie Deinen herben Schmerz erfuhr! . . . Und dann, denkt Dir*s noch, das war wieder Dein sechster Geburtstag, da warst Du ja schon ein großer, erwachsener Junge, — so glaubtest Du wenigstens — man wollte Dich zum erstenmal in*s Theater führen, o! Theater, das schöne, wonneberauschende Wort! — Schon des Morgens konntest Du vor freudiger Aufregung nicht frühstücken, und Dein Geburtstag - Chocolade kam den Dienstboten zu Gute. Wie vielmal des Tags frugst Du, wann es denn eigentlich beginne? — und dann, denkt Dich*s noch, wie Du Dich gar nicht satt sehen konntest an den schmutzigen Theaterkarten? — und als Du Dich ganz allein im Zimmer glaubtest — da rochst Du sogar an der abgegriffenen Sitzkarte, ah! war das ein köstliches Parfüm von Tabaksgeruch und andern . . . Gerüchen! — und dann, wie um sechs Uhr Abend — Du warst schon angekleidet und trippeltest ungeduldig umher, Vater und Mutter zur Eile anspornend — plötzlich der unselige Vetter Josef mit gerötheten Augen und vor Weinen dicker, geschwollener Nase kam, und in der Hand einen Brief mit schwarzem Siegel hielt — und in dem Brief stand, daß Deine Großtante nach langen Leiden im siekenundachtzigsten Lebensjahre sanft und ergeben in Gottes Willen gestorben war — und man Dich wieder ent» kleidete und Dir sagte, man könne nicht in*S Theater gehen .... ah! das war entsetzlich! — Das Ableben der guten, stillen, alten Frau hatte wohl Alle tief ergriffen, aber Dich wohl am schmerzlichsten erschüttert! — Warst Du damals nicht entsetzlich unglücklich? ... Und dann, da warst Du zehn Jahre alt, warst ein gar fleißiges Bürschchen, hattest Deine Examina glänzend abgelegt. Du hofftest, und auch Deine Mitschüler glaubten, Du würdest Pramiant werden. — Denkt Dich's noch, wie Du, wenn Du Dich allein im Zimmer glaubtest, vor dem Spiegel einige artige Verbeugungen einstudirtest, unter welchen Du den Classiker aus der Hand des Herrn Präfecten empfangen wolltest, — wie Du vor Sehnsucht den Morgen jenes Tages, der Dir, nach Deiner kindlichen Anschauung, die Unsterblichkeit sichern sollte, erwartetest, — und wie Dir das Herz bis hoch in den Hals hinaufschlug, als Du den Schulsaal betratest . . . wie Du nicht Ruh* noch Rast hattest, wie Du vor Ungeduld nicht stehen und sitzen konntest, wie lang Dir die Vorbereitungen erschienen, und wie*s endlich begann und man den