Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1875)
- Date
- 1875-12-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1115 Feuilleton. filDtr aus dem alten Prager Ghetto. Erzählungen von S. Kohn, Verf. des „Gabriel" (Fortsetzung.) Reb Wolf Zodex durchstrich sich zuerst sorgfältig den Bart, um ihn von einigen Barchesresten, die er in demselben vorfand, zu reinigen, räusperte sich und begann mit einem geringschätzenden Lächeln: „Feiwelleben, Ihr red't besser . . . , als ein Stummer . . . hast Chiduschim *), was Ihr da erzählt . . . daS, was Ihr da — seid mir eleph peomim mochel^) — geplaudert habt, waßen mir schon1 2 3 4 5 6) — aber ... icker chosser min hasefer^) . . . wem soll man machen^), den hat Ihr nit aufgegeben *). Nun, müßt Ihr wissen, lieber Leser, gab es zu allen Zeiten im politischen und Gemeindeleben Parteien, und Jemand hat die Behauptung ausgestellt, daß, wenn sich ein Verein von fünf Personen bilden Würde, in diesem leicht fünf verschiedene Parteien bestehen könnten. Nun gab es in unserer Chewre auch zwei Parteien, wir möchten sie die Aristokraten und die Demokraten nennen. Zu den ersteren zählten die Wohlhabenderen, die Höhergestellten, die in der Gemeinde Geltung de. saßen, und diese überließen sich willig der Führung Reb Wolf GarkochS; die letzteren waren die Unbemittelten, und war es zumeist der von Natur aus schüchterne und bescheidene Lastträger Gerschom Danziger, der seine Partei gegen die Uebergriffe der Aristokraten zu wahren wußte. Nur Mosche Budweiser nahm eine vollständig eigenthümliche Stellung ein, er war ein vollkommen Neutraler. Daß der wohlhabende Reb Wolf die prächtige Rede Feiwel Jerig'S einer so schonungslosen, vernichtenden Kritik unterwarf, kränkte unfern »ackern Gerschom, und der richtige Gedanke, „wäre Feiwel Jerig ein Oscher, würde Reb Wolf Garkoch anders sprechen," veranlaßte ihn zu der Entgegnung: „Seid Ihr mir eleph peomimmochel, mekaß, Reb Wolf, Feiwel Jerig hat den Menschen e so 1) Wunderbares, Neuigkeiten. 2) Verzeiht mir tausend Mal. 3) missen wir schon.) «S . 4) Die Hauptsache fehlt im Text. 5) wählen. 6) vorgeschlagen. gut gemahlt, daß gar kein Szofek') sein kann; — e Umdene^) soll er sein, e Ben Thora, e Baal Zdoke, nit metupel bebonim^)! — nu, wer kann das sein?" — Danziger machte eine längere Pause, nahm aus einer ärmlichen Hornbüchse eine Prise — und beantwortete dann seine Frage, die er offenbar nur als rhetorische Redestgur behandelt wissen wollte, mit den inhaltschweren Worten: „kein Anderer als Mosche Budweiser!" Wie das oft im Leben zu geschehen pflegt, hatte Niemand früher an Budweiser gedacht; aber in demselben Augenblicke, wo dieser Name genaunt wurde, mußte Jedermann — auch Feiwel Jerig, der Unglückselige, der durch seine Halbheit, durch seine undeutliche Schilderung seinem Gönner einen gewaltigen neuen Gegen - Candidaten geschaffen hatte — zu seinem Schrecken einschen, daß Gerschom Danziger, wie man zu sagen lebt, den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, und daß die beifällig aufgenommene Schilderung vollkommen auch auf Mosche Budweiser passe. „Soll ich gesund sein!" — „soll ich leben, er hat recht!" — „ewadde!" — „an den Hab' ich gar nit gedacht!" — „ja, ja!" — scholl's zu stimmend von allen Seiten. Jakow Schneider war blaß wie die Wand geworden. Die Zusicherungen JerigS hatten ihn vollkommen sicher gemacht. Das Bild, das er, sein diplomatischer Agent, entworfen, konnte bei einer günstigen Anschauung auf ihn passen. Er glich dem Tantalus; — die reife, goldene Frucht neigte sich seinem lechzenden Gaumen zu, er glaubte, nur den Mund öffnen zu dürfen, um sie zu erhaschen — und jetzt, schwups! weg war sie! — und wem sollte er erliegen? seinem ewigen Gegner Mosche Budweiser, der ihm vom Tage seiner Geburt an bis heute gefährliche, in vielen Fällen erfolgreiche Concurrenz gemacht hatte; der sich offenbar um die Ehrenstelle gar nicht gekümmert, zur Wahl gar nicht erschienen war, — das war ein doppelt harter Schlag! — wie sollte er seiner Hausfrau Zerl entgegentreten, mit der er — wir vertrauen das dem Leser unter tiefster DiScretion an — schon genau besprochen, wie er diese Wahl durch eine Szude") feiern, wie er bei dieser Gelegenheit feurige Kohlen auf das Haupt seines Gegners sammeln, wie ein Fürst bei der Thronbesteigung eine allgemeine Amnestie ertheilen — und Mosche Budweiser mit dazu einladen wolle — und jetzt, unerbittliche Ironie einer tückischen Schicksals- 7) Zweifel. 8) wohlhabender Mann. 9) nicht mit zu viel Kindersegen belastet. 10) ein Gasimahl.