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Der Israelit · 1875-12-15 · Heft 50 (15.12.1875) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 50 (15.12.1875)
Date
1875-12-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1116 Wendung! konnte es geschehen, daß Mosche Budweiser ihn amnestirte und daß dieser als neuer Gabbe versöhnlich ihn zur Szude, die er gab, einlud — es war ein ärgerlicher, fataler, quälender Gedanke! Der Schneider hatte das Gefühl eines geschlagenen Feldherrn, eines überlisteten Diplomaten. Bei seiner Heftigkeit hätte nicht viel dazu gefehlt, daß er zornentbrannt fortgelaufen wäre; aber zum Glück behielt der erregte Mann doch so viel Besinnung, einzusehen, daß er dadurch seinen Verdruß offenbar darlegen würde, und dagegen sträubte sich sein Ehrgefühl. So widerwärtig es ihm auch war, wollte er doch denWermuthbecher bis auf die Neige leeren. Gerschom Danziger, der Lastträger, war vor Vergnügen purpurroth geworden. Ein solcher rascher, plötzlicher Erfolg seiner rednerischen Thätigkeit machte ihn schwindlig, er fühlte sich beglückt, daß ein von seiner Partei vorgeschlagener Candidat, nicht einmal einer aus der Reihe der Aristokraten — Moses Budweiser war, wie erwähnt, ein vollkommen Neutraler — den Gabbestuhl besteigen solle, und seine gewohnte Schüchternheit völlig ablegend, schrie er: „Feiwelleben, Du hast doch ewadde aach kan andern geglabt . . . Du hast doch ewadde aach kan andere Deo") gehabt?" Feiwel Jer'ig stand der Helle, kalte Angstschweiß auf der Stirne. Hätte man ihm in dem Augenblick die freie Wahl gelassen, ob er fünftausend Klafter tief in die Erde einsinken, oder diese kitzlichste aller Fragen mir nichts dir nichts ooram populo beantworten sollte — er hätte ohne Besinnen, mit frevelhaftem Leichtsinn dieses etwas ungewöhnliche Mittel des Unsichtbarwerdens bei Weitem vorgezogen. Er sah es — er war unter Larven die einzige fühlende Brust! — er war der einzige Jakow Schneiderianer! — Sollte er, der allen anwesenden Aristokraten durch die Bank Geld schuldete, das zu bezahlen ihm auch im Traume nicht einfiel, e r, der da einen Mann erblickte, für dessen Sohn er Crew Peßach fastete, dort einen Gatten, dessen hoffnungsvolle Frau ihm sichere Aussicht auf eine Wachnacht bot — dort einen Dritten, für dessen Schwiegervater er in Schlofchim lernte — konnte, durfte er, der Einzelne, der imposanten, erdrückenden Majorität gegenüber eine völlig abweichende Ansicht anssprechen?! — und war es nicht schwärzester Undank, wie er niedriger und gräßlicher nicht in einer Menschenseele wuchern kann, wenn er einen Andern nannte, als seinenWohlthater, einen Mann, der ihm baare drei Gulden borgte, ohne 11) Ansicht. sie je zurückzuverlangen, seinem Jüngl umsonst einen Rock ausflicken ließ, und ihm selbst einen abgetragenen aber guten Winterrock schenkte?! Das war ein Seelenkampf, dem auch ein stärkerer Geist als Feiwel Jerig zu erliegen drohte! Jakow Schneider bemerkte sein Schwanken. „Warum get' Ihr nit Tschuwo?" frug er mit einer Stimme, die dem Ohre des armen Feiwel Jerig wie die Trompete des Weltgerichts erklang, „red't nur ganz ohne Genie 18)l" Feiwel Jerig nahm all' fein Denken zusammen, sein besseres Theil siegte, kaascher owadti owadti18)r murmelte er leise vor sich hin; dann stemmte er, um sich Haltung zu verleihen, die linke Hand in seine magere Hüfte, senkte sein Haupt, um all' den neugierigen Blicken, die auf ihn gerichtet waren, zu entgehen, und antwortete mit leisem Tone: ,,Die Wohret") zu sagen, ich Hab' .... ehm^) gemeint," und mit aufgehobenem Zeigefinger deutete er, ohne den Kopf zu erheben, die Richtung an, in der er Jakow Wodolka vermuthete, „Hm!" entgegnete Gerschom Danziger, der sich vergnügt zum Herrn der Situation emporgeschwungen hatte und das Centrum der Bewegung bildete, „Jakow Wodolka . . . e so e gesund und e so e Leben auf mir^), wie er gar kein übler Mensch nit is! — oder 17) Bruderleben, e Gabbe ... ist wieder eppis anders . . . e Gabbe muß e Chower haben — im Jakow hat k a Chower!" Das war eine rührende Selbstlosigkeit von Gerschom Danziger, eine heldenmüthige Aufopferung für das Gemeinbeste, er, dem als Lastträger ein Chower unerreichbar blieb, machte diesen für das Haupt seiner Chewre zur Bedingung. Es ist eine merkwürdige Eigenthümlichkeit, daß in jedem Menschen eine starke Neigung zurOpposition liegt, und daß diese durch Widerspruch gereizt wird. Feiwel Jerig vergaß einen Augenblick alle Zurückhaltung, und sich selbst erhebend, rief er: „Und Mosche Budweiser hat auch ka Chower . . . also was ist da für Chilluk^)" „E großer Chilluk," mischte sich jetzt Reb Aron Lichtenzweig in die erregte Debatte, „Mosche Budweiser verdient den Chower, und wenn mir Balebatten beim Bes Din für Mosche Budweiser um den Chower anhalten19), kriegt er ihm — aber 12) ohne Euch zu geniren. 13) wenn ich verloren bin — sei ich verloren. 14) Wahrheit. 15) ihn. 16) So soll ich gesund sein und leben. 17) aber. 18) Unterschied. 19) bittlich werden. i

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