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Der Israelit · 1875-12-15 · Heft 50 (15.12.1875) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 50 (15.12.1875)
Date
1875-12-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1111 bcm Corridore, die Thüre ward rasch geöffnet, Robert Eberstein, Franke, Alfred und Löwenstamm traten ein. „Ah!" rief der Kranke, sichtbar erleichtert, „das ist gut! Gehen Sie!" befahl er dem Wärter und reichte den Eintretenden die Hände entgegen; nur Eberstein ergriff seine Rechte. „Ah! wo ist Alfred, Jeanettens Sohn?" Dieser nahte ihm mit düsterem Blicke. „Ah! er ist groß und ein Mann geworden... Gott, tausendfachen Dank. . . ich lebe noch, und werde noch so lange leben, bis ich Alles gut gemacht, soweit eS möglich ist . . . doch wer ist der Vierte dort?" Löwenstamm schwankte einen Augenblick; ein Sturm von Gefühlen durchwogte seine Brust . . . der Mann, der dalag, hatte ihm und seiner Hingeschiedenen Gattin, seiner Tochter Susanna unendlich Schmerzliches bereitet, er schien ihm der böse Dämon, der das Glück, die stille Häuslichkeit, den Frieden edler, hochherziger Menschen im nichtSwürdigen Egoismus vergiftet, zerstört hatte . . . er wollte sich vorerst mit Abscheu abwenden, aber der edlern Regung seines Herzens folgend, blieb er seinem ursprünglichen Entschlüsse treu, und trat näher an'S Bett heran. Zöllner beschattete die Augen mit der Hand, um deutlicher zu sehen, dann rief er mit einer Stimme so herzzerreißend, so verzweiflungsvoll, aus tiefster Seele kommend: „Ah! Löwenstamm! . . . . kömmst Du mir zu fluchen .... oder dem Sterbenden zu vergeben? .... Was führt Dich her zu mir! . . . . o, das ist Gottes wunderbare Fügung! .... ein Fingerzeig jenes allmächtigen Weltherrn . . . dessen Wesen ich zu spät erkannte." „Lassen Sie jede unnöthige Aufregung," sprach Franke ernst, „Herr Löwenstamm ist zufällig in Prag, . . . Sie haben ihm. . . Sie haben uns unendlichen Schmerz bereitet . . . Doch das werden Sie beim besten Willen nicht zu ändern vermögen . . . Wir, Robert und ich. hielten Sie längst für todt, ertrunken in den Wellen der Moldau . . . also auch Ihr Tod war eine Lüge! . . . was wollen Sie von uns?" Zöllner sah mit starrem Blicke in's Leere. Er schien nicht die Worte, den Anfang seiner Rede finden zu können .... Endlich erhob er sich auf seiner Lagerstätte, ergriff das Packet, das neben ihm lag, und reichte es Alfred hin. „Das ist doch Jeanettens Sohn?" „Ja," erwiderten Franke und Eberstein. „Das ist Ihrer Mutter, Ihrer Familie Eigenthum, fünfviertel Million in guten Staatspapieren!" Die Männer traten einen Moment betreten zurück, sie fürchteten, Zöllner fei wahnsinnig oder spreche in Fieberhitze. Dieser bemerkte ihr Erstaunen. Alfred löste rasch da« Band des Packeis und in der That enthielt es Depotscheine deutscherund englischer Banken über Staatspapiere, sie lauteten auf den Nameu Leopold Cohen und Sohn. „Setzt Euch ... ich will es Euch erklären," sprach Zöllner, indem ein Zug tiefer Beruhigung über sein Gesicht flog . . . „ah! eine der schweren Lasten abgewälzt von meinem Herzen . . . die zuerst . . .!" „Ihr wißt es," sprach er, sich zu Eberstein und Franke wendend, „ich war ein Liebling des alten Herrn Jonas Ebers. Franke nannte er sein Herz, Cohen seinen Kopf, mich wegen meiner schönen Schrift — seine Hand, ah!" Zöllner seufzte tief auf, „meine Hand ... sie hat viel Uebles ausgeübt auf Erden! — Ich erfreute mich feiner Gunst, ich war ihrer unwürdig. Zwei heiße Leidenschaften brannten stets in meiner Seele, die unbegrenzte Sucht nach Reichthum, mein leicht entzündliches Gemüth für Frauenschönheit ... Ich war der jüngste der drei ersten Commis des Hauses, und hatte, wie Sie, Herr von Eberstein, wissen, schon als junger, frühreifer Bursche mein Auge zu Ihrer Schwester Jeanette, die älter war als ich, erhoben. Ich hätte gerne das schöne, begehrenswerthe Mädchen und mit ihr die reiche Mitgift erworben. Der alte Herr hatte sie Ihnen, Franke, bestimmt, ihr Herz hatte Leopold Cohen gewählt; — ich fiel von allen Seiten durch, ich loderte im wilden Hasse auf. Ich wollte mich an Jeanette rachen, mein glücklicher Nebenbuhler sollte meinen glühenden Haß fühlen. Der alte Herr, gewohnt, in seinem Hause seiner väterlichen Autorität blindlings gehorcht zu sehen, ward verstimmt darüber, daß Jeanette einem Andern, als d e m, den er ihr bestimmt, ihr Herz geschenkt, es schmerzte ihn, daß Jeanette nicht zuerst vertrauensvoll ihm ihre Liebe gestanden, daß Sie, Franke, großmüthig gewesen, daß Cohen Ihre großmüthige Entsagung annahm. ES wurde mir unter solchen Umständen leicht, Cohen beim alten Herrn der Habsucht zu verdächtigen, ihn glauben zu machen, jener hatte mehr um die große Mitgift als um das Mädchen geworben, ihm endlich den Gedanken einzuflößen, Cohen und Jeanette zu prüfen, dieser keine Mitgift zu geben. Der alte Herr war klug und selbstständig, aber diese Idee entsprach ganz seiner Denkweise; mein Plan gelang vollkommen. Jeanette zog auS dem Hause, und Leopold Cohen, der Gatte der Millionärstochter, mußte mit selbsterworbenem kleinen Fonde sich ein Geschäft neu begründen." „Sie halten sich bei uns Bekanntem unnöthig auf," bemerkte Franke, als Zöllner scheinbar er-

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