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Der Israelit · 1875-12-15 · Heft 50 (15.12.1875) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 50 (15.12.1875)
Date
1875-12-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1110 treten können, wie dies früher die Türkei, Oesterreich gegenüber gethan! (Pest. jüd. Zig.) Frankreich. Paris, 1. Dec. Folgende fast unglaubliche Geschichte, welche sich vor zwei Tagen in dem französischen Städtchen Raon l'Etape ereignete und deren Held Herr Marc Dreifuß, eia friedlicher Weinreisender des Handlungshauses Fleury- Ducasse in Bordeaux war, wird hier vielfach besprochen. Am 29. November begab sich dieser in Geschäften zu dem Apotheker Fortwengler, um ihm ein Offert zu machen, was dieser jedoch ablehnte und ihn zugleich, nach seiner Aussprache urtheilend, befragte, ob er nicht ein Elsässer sei, was Dreifuß mit der Angabe bejahte, daß er aus Osthoffen gebürtig sei. Am nächsten Tage wollte Dreifuß nach Celles fahren, er war aber nur eine kurze Strecke weit gekommen, als er von Gendarmen angehalten wurde, die ihn arretirten und auf das Wachtzimmer führten, wo ihn der Unteroffizier schroff anfuhr: „Sie sind Jud" (der bekannte Eisenbahnmörder). Dreifuß, der diesen Namen zufälligerweise nie gehört hatte, fragte erstaunt, wer das sei. Der Unteroffizier blinzelte mit den Augen, als ob er schon wisse, wie er daran sei, ließ ihn in die Verbrccherzelle treten, legte ihm dort Handfesseln an und zog darauf einen sechsläufigen Revolver hervor, indem er ihm gleichzeitig zu verstehen gab, was er bei dem geringsten Widerstandsversuche zu gewärtigen haben würde. Hierauf nahm er ihm sein lortefeuille, sein Federmesser und ein Zündhölzchenelui und sperrte ihn ein. Nach einiger Zeit holte er ihn wieder ab und führte ihn gefesselt, wie er war. mitten durch die Stadt zum Friedensrichter. Dieser ließ zwei Frauen und drei Einwohner von Raon holen, welche Len Onginal-Jud gesehen hatten und zeigte ihnen Dreifuß. Aber alle erklärten einstimmig, daß er nicht der gesuchte Jud sei Auch der Rabbiner Blum und der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, May, sagten mit Bestimmtheit aus, daß sie Herrn Dreifuß kennen. Aber trotz aller dieser Zeugenaussagen, trotz des vorgezeigten Passes und anderer Schriftstücke erklärte der Friedensrichter, Herrn Dreifuß nicht loslassen zu können, sondern ließ ihn gefesselt in seine Zelle zurüüführen, wobei er ihm zu seinem Tröste mittheilte, daß er ihn am nächste Tagen nach Saint-Div adsühren werde. Auf die Verordnung Herrn Blum's jedoch und auf sein Anerbieten, den Wagen selbst zu bezahlen, ließ er ihn noch denselben'Tag nach Saint- Div führen, wo ihn der Unteroffizier der Gendarmerie dem Staatsanwalt als „Jud" vorstellte. Dieser, selbst ein geborner Elsässer, theilte jedoch zum Glück nicht die Bedenken des Friedensrichters und ließ ihn, nachdem er sich durch mehrere Kreuzfragen von seiner Identität überzeugt hatte, endlich auf freien Fuß setzen. Man fragt sich mit Recht, wie eine Gerichtsperson auf eine einfache, unerwiesene Denunciation hin einen unbescholtenen Menschen verhaften, einsperren, in Ketten legen und ihm alle möglichen Demüthigungen anthun konnte. Herr Dreifuß hat bereits den gerichtlichen Recurs ergriffen, und man ist gespannt, welchen Ausgang die Sache nehmen wird. Amerika. Chicago, 21. Nov. Ein hiesiger isr. Prediger, Herr Dr. K- Köhler aus Fürth, entblödete sich nicht, in einer Predigt unfern Stammvater Jakob mit den Beinamen: Schleicher, Schachrer, Schmarotzer, Heuchler rc. zu benennen; ihm gleiche, meint der würdige Prediger, die jüdische Orthodoxie, die mit Bändern um den Hals (Talith) und Bändern um den Arm (Tephillin) den Segen des Vaters erschleichen wolle. — Bedauernswerthe Gemeinde, die sich solche Absurditäten vorpredigen läßt!! — F t tt i 1 I t t p «♦ Haus Ebers. Erzählung von S. Kohn, Verfasser der „Gabriel" (Fortsetzung.) Zehntes Kapitel. Zöllner oder Fallenberg wälzte sich ruhelos auf seinem Lager. Jede Sekunde schien ihm ein Jahrhundert. Das kleine Mädchen war von der Reise — Fallenberg war eben mit der Bahn gekommen — ermüdet, es schloß seine schwarzen Aeuglein und entschlummerte sanft in einem Lehnstuhl, in den eS der Wärter gesetzt und mit einem leichten Tuche bedeckt hatte. „Wenn sie nur zur Zeit kommen, meine Kräfte schwinden," murmelte der Kranke, „eS wäre furchtbar, wenn ich stürbe, ohne Eberstein gesprochen zu haben." Cr ergriff hastig die Klingel, der Wärter trat ein. „Wenn ich eher sterbe . . . bevor die Herren komme», so ist dieses Packet dem Gemeindevorsteher zu übergeben, eS enthält auch meinen letzten Willen . . . und eine genaue Abschrift desselben und ein Berzeichniß der Papiere liegt bei einem Gerichte ..." In dem Augenblicke ertönten Männertritte auf

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