Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1875)
- Date
- 1875-12-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1095 sich hier einfanden, um die lehrreichen und wohl auch unterhaltenden Vorträge des Rebbe anzuhören. Solcher Vereine gab es damals in Prag wohl zehn. Die Chewre bei Reb Anschel Bmizl, der seine Wohnung zu diesem Zwecke herlieh, vereinigte verschiedene Elemente. Einige Mitglieder waren wohlhabend, während andere ihren kleinen Beitrag nur mit Mühe leisten konnten. Einzelne, die lange Zeit zur Erhaltung deL Vereines beigetragen hatten, und in ihren Verhältnissen so heräbgekommen waren, daß ihnen auch die wenigen Kreuzer wöchentlich schwer sielen, waren in zarter, unauffälliger Weise hiervon befreit worden, wie man es von diesen Männern mit rauhen Sitten, aber weichen Herzen, kaum erwartet hätte. Die Anwesenden hatten um einen langen Tisch Platz genommen. Es war eigentlich bestimmt worden , daß der Rebbe *) die Versammlung leiten sollte, da aber auch eine Erhöhung seines allerdings sehr mäßigen Gehaltes, neben der Wahl eines Vorstehers statt des verstorbenen Reb Anschel Bunzl, einen Programmspunkt bildete, hatte es der Rebbe für passend gehalten, nicht zu erscheinen. — Bemerken müssen wir noch, daß der dem Redde bezahlte Betrag ihm nicht für die Sabbatvorträge entrichtet wurde; für irgendetwas, das am Sabbat geleistet wird, darf der Jude keine Bezahlung annehmenaber der Rebbe hatte auch die Verpflichtung, am Jahrestodestage der verstorbenen Vereinsmitglieder einen Perek^) Mischnajos zu studiren, und wurde ihm nominell sein bescheidenes Monatsgehalt dafür bezahlt. Die Versammlung war fast vollzählig, nur zwei Dinge fehlten, Mosche Budweiser und der Muth eines Einzelnen, die Debatte zu eröffnen. Jakow Schneider hatte wohl den Beruf in sich gefühlt, die Leitung zu übernehmen; aber es schien ihm dies nicht diplomatisch. Der erste Redner konnte sofort ohne Schwierigkeit und unnöthige Weiterungen ihn — Jakow — als den Geeignetsten und Würdigsten bezeichnen, — und daher mußte es wohl ein anderer als er selbst sein. Die Versammelten hatten sich in kleine Gruppen aufgelöst, die eifrig miteinander plauderten — endlich schlugt halb vier. „Reb Wolf;" meinte jetzt Jakow ungeduldig, feinen Nachbar, den Garkoch leicht anstoßend, „auf was warten mir?b) es wird bald Minche-Zeit^) werden! hebt an!" 1) der die Vorträge abhaltende Redner. 2) Abschnitt. 3) wir. 4) Nachmittag. Nun war Reb Wolf Zodex — seinem Aller, seiner günstigen Vermögenslage, und sogar seinem nicht zu verachtenden talmudischen Wissen nach, er hatte sogar bis zu feinem sechszehnten Jahre die Jeschiwo^) besucht — vollkommen geeignet, die Sache in die Hand zu nehmen, mehr noch als das, eS unterlag keinem Zweifel, daß er einstimmig zum Gabbe gewählt worden wäre, wenn es nicht bekannt gewesen wäre, daß seine Frau Brendl, die das Hausregiment führte, ihrem Gatren strenge untersagt hatte, irgend ein Ehrenamt anzunehmen. Aber es fehlte zu jener Zeit Jedermann die parlamentarische Fähigkeit, die in unserer glücklichen Gegenwart dem Säugling schon als Pathengeschenk in die Wiege gelegt wird, und Reb Wolf bemerkte ausweichend: „Mosche Budweiser is noch nit da." „Soll er früher kommen!" murmelte Jakow Wodolka unmuthig und halb unverständlich, während eine Wolke des Unmuths sein Gesicht verfinsterte. „Soll 'me eschwer nach ihm schicken?" frug Reb Aron Lichtenzweig. „E guter Gedanke!" rief entzückt Feiwel Jerig, froh, Aron Lichtenzweig ein Compliment machen zu können, denn jedesmal, wenn er die Gestalt Reb Arons erblickte, tauchten durch Gedankenassocialion vor seinem Geiste eine ungeheure Zahl von schwarzen Töpfen in erschreckender Weise auf — Scholettöpfe, für die er — Feiwel Jerig — das Scholetge.d an Reb Aron schuldete, das von diesem in edler Vergeßlichkeit nie eingefordert wurde. Aber das war nicht nach dem Sinne Jakow Schneiders. Jnstiuktmäßig fühlte er, daß, wie sein ganzes Leben lang, auch diesmal ihm von dem sonst braven, guten Mosche Budweiser Gefahr drohe, und er warf Feiwel Jerig einen vernichtenden Blick zu. Nach einer kurzen Pause begann Reb Wolf: „Der Emmes b), es ist schon spät — man könnt' otyebtn 7) . . ." „Nu, fangt an!" knurrte Jakow ungeduldig. „Warum g'rad ich?" „Ihr seid leorich jomim der älteste Balbos unter uns." Nun besaß Reb Wolf Zodex neben den schon oberwähnten, wie billig, anerkannten Vorzügen auch jenen, ein ganz guter Garkoch zu sein; seine Traeb) talmudische Hochschule. 6) in der That. 7) anheben, anfangen.