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Der Israelit · 1875-12-08 · Heft 49 (8.12.1875) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 49 (8.12.1875)
Date
1875-12-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1096 toxie war ebenso beliebt durch ihre Kaschrischkeit8) und Reinlichkeit, als durch Schmackhaftigkeit und Billigkeit der Speisen; — aber dagegen war er mit Rednergabe nicht gesegnet, und selbst seine intimsten Freunde mußten bedauernd einraumen, daß er, namentlich bei einer länger« Rede, packize^)! Da er diesen seinen Fehler kannte, machte ihn dies noch befangener und verlegener. Er ließ einen trostlosen Blick über die Tafelrunde streifen, dieser bleibt beruhigt auf Reb Aron Lichtenzweig haften. „Red Aron, seid mochel; fangt Ihr an!" „Warten wir doch lieber auf Mosche Budweiser!" meinte dieser verlegen, auf dem Stuhl hin- und herrückend. Feiwel Jerig bemerkte, wie eS heftig in Jakow Wodolka's Gesicht zu arbeiten begann; er kannte die Reibungen, die zwischen ihm und Budweiser vorkamen, und er fühlte die Verpflichtung, zu Gunsten seines Gönners das Wort zu ergreifen. Feiwel Jerig war ein kluger Mensch mit vielen natürlichen Anlagen. die nur in seinem Lebenslaufe verkümmern mußten; er war auch ein gewandter Redner, das heißt, er sprach weder grammatikalisch richtig, noch war er im Stande, schöne Perioden zu bauen, aber er wußte die Worte gut zu setzen, konnte überzeugend sprechen, und wenn ihn nicht die Verhältnisse zur Schüchternheit zwangen, konnte er sogar ohne Befangenheit sprechen, jetzt begann er überdies mit dem Muthe der Verzweiflung zum Erstaunen der ganzen Tafelrunde: „Es ist ein altes Wort: Hediut kofetz berosch 10)," ein zustimmendes Murmeln bewies dem Redner, daß er den richtigen Ton getroffen, man verzieh ihm um seiner Bescheidenheit, daß er das Wort ergriffen, „indessen, wir haben's hier vom Rebbe beim Schiur gehört: beim Bes Din") hat auch immer der Kleinste zuerst geredet . . . warum? weil das e große Chochme12) is, wenn e Großer eppis 13) sagt, hat der Kleine dann ka Chuzpe mehr, etwas Anderes zu sagen! . . . Also, kurz von der Maaße, mir muffen") e Gabbe haben, nun is nur das Fragement"), wer soll es sein? — Ich mein', es 8) genaue Befolgung der gesetzlichen Vorschriften beim Bereiten der Speisen. 9) packere, stottere. 10) Ter Unbedeutende springt voraus. 11 > Gericht. 12) Weisheit, Klugheit. 13) etwas. 14) müssen. 15) eine ungehörige, anssckinückende Erweiterung des Wortes Frage. soll e Oscher") sein .... iS wahr?" ein allgemeines Kopfnicken belobte den Cicero; „dann ei« Mensch, was keine DaigeS") hat (allseitige Zustimmung), ein ehrlicher Jüd w), e Baal Zdoke"), der e Stück'l ben Thora is^) . . . . nu, is das Alles nicht recht?" Feiwel Jerig hatte mit steigendem Vergnügen erkannt, daß seine Worte nicht nur allgemeinen Anklang fanden, sondern auch die höchste Zufriedenheit Jakow Schneiders, den er fortwährend ängstlich beobachtete, errangen. Dieses Bild schien dem Schneider Portraitähnlichkeit mit ihm selbst zu haben. Aber Jerig glich einem Feldherrn, der durch einen kühnen Zag wohl in der Schlacht einen Erfolg zu erringen, aber diesen nicht zu benützen , nicht zu verfolgen weiß. Hätte Feiwel Jerig den Muth gehabt, weiter zu reden, den Namen, der auf seinen Lippen schwebte, auszusprechen, er hatte vielleicht seinem Candidaten die ersehnte Stelle , sich und seinen Kindern neue Anzüge errungen, — unglückseligerweise aber brach er ab. Run ist es eine bekannte Sache, daß Bahnbrechen das Schwierigste ist, und daß der Zweite ejnen viel leichtern Stand als der Erste hat, und der liebe Leser kann uns nur recht dankbar sein, wenn wieder verführerischen Gelegenheit, diese Behauptung mit historischen Daten zu belegen, tugendhaft aus dem Wege gehen. Nachdem also Feiwel Jerig die Diskussion eröffnet hatte, fühlte jeder der Anwesenden, daß sein Zungenband viel elastischer als früher sei, und alle Lippen öffneten sich jetzt, um gleichzeilig zu sprechen, aber als man sah, daß Reb Wolf Zodex — ein Mann, von dem seine getreuen Anhänger unverhohlen aussprachen, daß sogar eine Moreuu kein allzuhohes Ziel für ihn wäre — Miene machte, zu sprechen, unterdrückte jeder gewaltsam seine Redelust, und ließ ihm gerne den Vorrang. Zodex ließen die Lorbeeren, die Feiwel als Redner so leicht errungen, nicht ruhen, er wollte etwas erwidern, ihm opponiren, ihn tadeln, und es muß gestanden werden, nachdem Feiwel Jerig etwas völlig Unbestreitbares ausgesprochen, war die Entgegnung in der That geistreich genug. (Fortsetzung folgt.) 16) reicher Mann. 17) Sorgen 18) ein frommer Jude. 19) Wohlthäter. 20) den jüdischen Wissenschaften nicht fremd.

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