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Der Israelit · 1875-12-01 · Heft 48 (1.12.1875) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 48 (1.12.1875)
Date
1875-12-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1071 tor sagt; das ist gesund .... Zu der Narrisch» tat Hab' ich noch Zeit!" er zog seine goldene Uhr aus der Westentasche, verglich sie sorgfältig mit der Nathhausuhr und sagte dann zufrieden: „Auf e Punkt geht sie ... . accurat halb drei, noch e halbe Scho Zeit. „Wenn Jhrs derlabt^) geh' ich die halbe Scho mit Euch herum" rief Feiwel Jerig sich flink an Wodolka's linke Seite schiebend; was diesem augenscheinlich wohl that, obwohl er diese Höflichkeit nickt zu bemerken schien. Bei dem ersten Anblicke schon mußte man erkennen , daß Feiwel Jerig in irgend einem Abhängigkeitsverhältniß zu Jakow Wodolka stand.— Jener oder vielmehr seine Frau besaß ein Höcklergeschäft. Sie bot ihr bescheidenes Waarenlager tn der Breitengasse unter Gottes freiem Himmel aus. Die Artikel wechselten nach der Jahreszeit; im Sommer Obst, im Winter Häringe, Steckrüben, gesottene Erbsen u. d. gl., die sie an ihre Kunden — zumeist aus der Klasse der hoffnungsvollen Jugend, mit einem sehr bürgerlichen Gewinne veräußerte. Allein, da dieser in der That nicht hinreichte, eine zahlreiche Familie zu erhalten, war Feiwel darauf hingewiesen, sich Nebenverdienste zu suchen. Er verband die allerentgegengesetzten Beschäftigungen, die allerdings manigsaltiger als einträglich waren. Man behauptet nicht zu viel, wenn man sagt, daß sich seine Wirksamkeit über den ganzen Lebenslauf seines Nebenmenschen, ja sogar noch weit über denselben hinaus erstreckte. Ward sein Nebenmensch geboren, lernte er in der Wachnacht 2 3 4 5 6); war das Kind ein erstgeborener Knabe, fastete er am Erew Peßach für ihn'), ward das Kind größer und bedurfte eines Bochurs^), so bemühte sich Feiwel Jerig, ein passendes Individuum aus der zahlreichen Schaar der Talmudjünger ausfindig zu machen; hatte der Knabe das dreizehnte Jahr überschritten, suchte Feiwel Jerig einen Lehrherrn oder Geschäftsmann für ihn, wo er für seinen künftigen Beruf vorbereitet werden sollte. War der Knabe zum Jüngling heraugereift, suchte er ihm eine Lebensgefährtin , brauchte der junge Balbos 7) eine Wohnung, 2) Stunde. 3) erlaubt. 4) In der dritten Nacht nach der Geburt eines Kindes glaubte man Wöchnerin und Kind von bösen Geistern bedroht, und ließ Mischna lesen und Gebete verrichten. 5) Die Erstgebornen saften am Rüsttage des Peßachfestes. So lange das Kind das 13. Jahr noch nicht erreicht hat, fastet der Vater für es; ist dieser selbst ein Erstgeborner, pflegte dieser einen Andern gegen Entgelt für das Kind fasten;u lassen. 6) Lehrer. 7) Ehemann. ein Geschäftslocal, einen Synagogensitz, so bemühte er sich ihm hierzu behilflich 'zu sein; war sein Nebenmensch krank, sagte er um geringes Entgelt in sehr reeller und wie er behauptete', auf sehr erfolgreicher Weise Tilim*) für ihn — starb er trotzdem, wachte er bei seiner Leiche und wenn er — sein Nebenmensch nämlich — in die Gruft gesenkt ward, meint Ihr etwa, daß dann seine Wirksamkeit für ihn erlahmte? — o! weit gefehlt! da entwickelte er erst eine ungeahnte, rastlose Thätigkeit. In den Schloschimb) las er Mischnajos für sein Seelenheil, im Sterbejahr verrichtete er jeden Freitag Gebete an seinem Grabe und endlich hielt er sein Jahrzeit"'). Aber alle diese vielfachen Beschäftigungen, hätten bei der großen Concurrenz, die man hierbei Feiwel Jerig machte und bei dem unendlich geringen Honorare, das für derartige Leistungen bezahlt wurde, nicht hingereicht, Frau und neun Kinder zu ernähren, wenn er nicht — und das war offen und ehrlich gestanden, seine Haupterwerbsquelle — bei wohlhabenden und gutherzigen Leuten, unverzinsliche und auch unrückzahlbare Anleihen contrahirt hätte. Nun, da war eben der eitle aber im Grunde doch gutherzige Jakow Schneider, ein hochzuschätzender Geschäftsfreund. Nicht nur waren seine und seiner Kinder Kleider aus Jakow Wodolka's Atelier hervorgegangen, ohne, daß er je das Zartgefühl seines Gönners durch „Angebotene Zahlung' zu verletzen gesucht hatte; sondern dieser borgte ihm, wenn es der arme Feiwel benöthigte, gerne einige Groschen. Dafür streute ihm der dankbare Jerig gehörig Weihrauch. Er war von Natur aus eine gerade, biedere Natur; aber die Wucht der Notwendigkeit hatte ans sein ganzes Wesen umgestaltend eingewirtt, hatte dieses — gebogen, möchten wir sagen und er war ein Schmeichler geworden. Feiwel Jerig war sehr klug, er wußte, er konnte seinen Gönner Jakow Wodolka nur dann bei guter Laune erhalten, wenn er ihm nicht nur mit Worten, sondern auch thatsächlich seine Verehrung bewies und er wußte dieses stets in entsprechender Weise auszuführen. Jakow Schneider liebte Ovationen, die ihm öffentlich gebracht wurden. Feiwel Jerig kaufte für theures Geld Maftir in der Pinkassynagoge für Wodolka"), freilich wenn's zum Bezahlen kam, mußte dieser das Geld dazu herborgen, er ertheilte ihm, wenn er ohne Zeugen 6) Gebete aus den Psalmen, die für Kranke verrichtet werden. 9) Trauermonat. 10) verrichtete am Jahrestodestage die üblichen Gebete. 11) das Recht, die Function des Prophetenabschnitt-Vorlesens an Wodolka «i übertragen.

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