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Der Israelit · 1875-12-01 · Heft 48 (1.12.1875) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 48 (1.12.1875)
Date
1875-12-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1072 mit ihm war, das nur dem Chowerbesitzer zukomwende Prädikat „Red" — und verflieg sich, wenn es sich um Anleihen von mehr als einen halben Gulden handelte, auch zu dem Titel „Me Kaß" 12). — Bei seinem letzten Besuche hatte er aber eines Darlehens von baaren drei Gulden") bedurft. Bei einer so gewaltigen Anforderung hatten die gewöhnlichen Schmeicheleien nicht verfangen und die Angst gab ihm den Gedanken ein, Jakob Wodolka die Versicherung auszusprechen, er würde einstimmig zum Gadbe der Chewre, bei der auch er — Feiwel Jerig Mitglied war — gewählt werden. Jerig erreichte wohl seinen Zweck, der geschmeichelte Schneider Ueh ihm den gewünschten Betrag; aber je näher der verhängnißvolle Tag der Wahl heranrückte, desto ungestümer klopfte Feiwels Herz; denn er hatte eine Behauptung aufgestellt, für die er gar keine Gründe anführen konnte. — In den letzten Tagen wollte er eö sogar versuchen, für seinen Gönner zu agitiren, die leisen Andeutungen, die er sich erlaubte, wurden nicht günstig ausgenommen und er fand bald, daß er in dieser Angelegenheit ganz einflußlos war. Trotz seiner Angst verzweifelte er öotfi nicht und hoffte noch im letzten Momente von irgend einem unerwarteten Zufall un> terstützt, die Wahl auf seinen hohen Protektor und wilden Gläubiger lenken zu können. Als er jetzt eben Jakom Wodolka, in blinbem Vertrauen aus seine Zusage, erhobenen Hauptes dem Versammlungsorte zuschreiten sah, durchfröstelte es ihn ganz schrecklich. Wenn Jakow Wodolka nicht gewählt würde, wenn er außer Leser Jerigs keine zweite Stimme erhielte, wenn Jakow dann im gerechten Zorne alle die geborgten halben und ganzen Gulden summirte, hierzu den Arbeitslohn für zum größten Theil schon zeiissene und zersplissene Kleider addirte und von Feiwel Jerig forderte; so bildete das eine Summe, vor deren Größe sein Geist zusammenbebte, deren Besitzer ihm wenigstens ein Rothschild zu sein schien; — und das, dachte er leichtsinnig, wäre noch nicht das Aergste. ,,wo nichts ist" hat nach einem alten guten Spruche „auch der Kaiser das Recht verloren" — aber wenn er dann weiter Kleider und Geld brauchte?! der gewählte Gabbe würde dankbar — der in seinem Ehrgeiz getäuschte Schneider — furchtbar sein! Diese trüben Gedanken machten den sonst redefertigen Feiwel, tief schweigsam, und er schritt gebeugten Hauptes langsam an der Seite seines Gönners. 12) C' ucr Ehrwnrdcii. io) nach jetzigem <vc[bc etwa fl. 1. 20 kr. Ceft. Währ., ungefähr etwas mehr als zwei MichsnrcN'k. „Feiwel!" sprach Jakow nach einer kurzen Pause „Euer Jüngl hat e zerissen Schabbesröckel, schickt ihn morgen hinauf, ich wer ihn sauber auSflicken lasten." Feiwel Jerig schwieg, eS war eine glühende Kohle mehr, die'Jakow auf sein schuldig Haupt sammelte; er sah, es war das eine zarte Belohnung für die agitatorische Thätigkeit, die er wie Jakow glaubte, zu seinen Gunsten entwickelt haben sollte, und gleichzeitig eine Aufmunterung noch im entscheidenden Momente treu bei seiner Fahne auszuharren, bis der Sieg ein vollständiger, zweifelloser. — Feiwel Jerig, sonst bei ähnlichen Anlässen seinen Dankgefühlen zahlreiche Worte leihend, war diesmal bedrückt, einsylbig und murmelte nur leise etwas, was wohl einen Dank bedeuten konnte. Jakow mißdeutete dies, vielleicht fühlte sich sein Agitator nicht genügend belohnt und er fügte nach kurzer Pause' hinzu: „Wenn Ihr für Euch selbst e guten Unterrock braucht .... ich Hab' einen, den ich nit mehr trog, ich weiß nit, was ich mit ihm machen soll.wenn Ihr ihn haben wollt, tragt ihn gesunderheit!" .... Dies war für Feiwel Jerig der unverdienten Güte zu viel, und in einem überströmcnden Gefühle, an das Dankbarkeit und Erkenntniß eigener Unwürdigkeit gleichen Theil hatten, nes er gerührt: „Ihr sollt gesund und stark sein, und hundert Jahre leben von heute an Mekaß Reb Jakow!" Zum Glück stießen jetzt Aron Lichtenzweig und Gerschom Danziger zu ihnen. Den ersten begrüßte. Jakow Schneider freundlich, den zweiten herablassend, aber doch gütiger als sonst, er wollte bei der heutigen Wahl eben alle Stimmen vereinigen. Man sprach den kurzen Weg, der noch zu machen war, über den blinden, polnischen Chasan "), der heute mit sieben Meschorerim") in der Altneuschul geort^) — über den glücklichen Erfolg, den diese Woche der Rebbe, Reb Michael Bacharach bei einem beabsichtigten Get") erreicht und noch im letzten Momente durch liebevolles Zureden eine Versühnung zwischen den beiden Ehegatten herbeigeführt, über eine ^£0^»»^), die das Rabbinat einem verdienten Manne verliehen hatte und über derartige Angelegenheiten mehr. (Forts, folgt.) 14) Vorderer. 15) Choristen. 16) von L?rarc: vorgcbeter. 17) Ehescheidung. 18) hoher Ehrentitel.

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