Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1875)
- Date
- 1875-12-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2447603-2447640--12011-2467819- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1070 füllt waren. Diese Spritzen waren oben in der Frauen-Synagoge aufgestellt, und plötzlich begann von oben ein schwarzer Regen herabzuströmen, welcher alle Kerzen auslöschte — und alle Männer, die des Feiertages halber schön gekleidet waren, schwarz färbte. Auch die Thorarollen blieben nicht unverschont. Man kann sich daher das entsetzliche Geschrei vorstellen. Anfangs waren die Männer betroffen, da sie gar nicht wußten, woher das komme. Erst nach einigen Minuten machten sie die Entdeckung von der in Scene gesetzten Hetze, stürzten hinauf, aber darauf waren die Rumänier gefaßt, sie standen kampfbereit mit tüchtigen Stöcken bewaffnet, und die unbewaffneten Juden, welche hinausgestürzt, wurden zurückgestoßen, schrecklich geschlagen und verwundet. In der Finsterniß konnte man Niemand erkennen, und während der Zeit, daß man die Polizei von diesen schändlichen Thaisachen benachrichtigte, flüchteten sich die Rumänier — und wenn die rumänische Polizei nicht will, wird man auch niemals darauf kommen, wer diese abscheuliche Hetze veranstaltet. (Pcsth. j. Ztg ) T ü r f e i. Salonichi. Herr Allatini, der sich für das hiesige isracl. Schulwesen insbesondere interessirt und für dasselbe publicistisch aufgetreten, hat den hiesigen Schulen der „All. Jsr." 12,500 Frcs. geschenkt/ (Arch. Jsr.) Feuilleton. Kilder aus dem allen Prager Ghetto. Erzählungen von S. Kohn, Vers, des „Gabriel" (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Da man beim besten Willen nicht im Stande ist, gleichzeitige Vorkommnisse, auch gleichzeitig erzählen zu können; müssen wir uns erlauben mitzutheilen, was sich Während der Zeit, wo Mosche Budweiser im angenehmen Geplauder die Versammlung der Chevra versäumte, anderwärts zugetragen. Jakow Schneider, dessen Biographie unser Freund Budweiser in kurzen Worten gegeben, war, nachdem er die offenstehende Doppelthüre seines Nachbars heftig zugeschlagen hatte, ruhig und hoheitsvoll die Stiege hinuntergegangen, um sich auf einem weiten Umweg zur Hoasive zu begeben. Er war ein langgewachsener magerer Mann und mit Mosche Budweiser in gleichem Alter stehend. Die gelbliche Gesichtsfarbe und die funkelnden schwarzen Augen ließen den leicht reizbaren Sanguiniker erkennen. Der graue Bart, der sein ganzes Gesicht umrahmte, weitete sich am Kinn zu einem den ganzen Hals verdeckenden Halbkreis aus, und verlieh Dem Schneider ein gelehrtes, würdiges Aussehen. Er war sorgfältig und ganz in Schwarz gekleidet, auf dem dreieckigen Hute, auf dem Rocke und der Weste, beide lang und fein, auf den kurzen, seidenen Hosen, auk den blankqeputzten Schuhen mit den blinkenden Silberschnallcn, konnte auch eine microscopische Untersuchung kein Staubatömchen entdecken. An den Fingern der Hände, die zum Theil von den sein gefalteten Manschetten verhüllt waren, glänzten schöne Ringe, in dem blendend weißen Jabot steckte eine große Brillantnadel. — Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und schien von angenehmenGedanken beschäftigt. — Jakow Wodolka war ein wohlhabender kinderloser, jeder Sorge lediger Mann, und es ist nicht zu verwundern, daß sich unter solchen Verhältnissen leicht der Wunsch in seiner Seele regte, sich in der Gemeinde irgend eine Stellung zu verschaffen, irgend ein Ehrenamt zu erlangen; und daß das bisherige Scheitern aller seiner derartigen Versuche ihn mißgestimmt hatte. Sein Ehrgeiz hatte ihn schon einmal veranlaßt, beim Besdin um den Chowertitel brttlich zu werden; aber er mußte abgewiesen werden, da man von dem festen Principe einem Schneider den Chower nicht zu verleihen, in keinem Falle abgehen mochte. — Heute ab erhoffte er den ersten Schritt auf der langen Leiter der Gemeindehierarchie cmporzuklimmen. Gabbe, bei einer, — wenn auch kleinen — Chewre zu werden, war gar kein verachtenswerther Anfang. War das gelungen, das Weitere, dachte er, würde sich schon später sinden. Die Wohnung der Wittwe Bunzl, wo die Versammlung abgehalten werden sollte, lag in der Pinkasgaffe der Apotheke zum goldenen Löwen — der einzigen in Oestreich, die damals im Besitze eines Juden') war — gegenüber. Als Wodolka eben aus der Rabbinergaffe in die Belelsgaffe, bei dem prächtigen, jüdischen Rathhause mit dem Thurme einbog, stieß er auf Feiwel Jerig, der aus der Hahngaß kam. Dieses, ein kleines geschmeidiges Männchen rief sofort „Gut Schabbos! — wohin! doch nit schon zur Hoasive?" „Ab!" entgegnete der Schneider geringschätzig „ich geh' e bißt nach dem Essen herum; der Dok- 1) Ein erbliches Privilegium der berühmten Familie Jeittelcs.