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Der Israelit · 1875-12-01 · Heft 48 (1.12.1875) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 48 (1.12.1875)
Date
1875-12-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1062 Mediciner werden, klagt Billroth, vom Publicum, von den Eisenbohnen, von den Professoren unterstützt, weil einmal die fixe Idee herrscht, arme Individuen, welche mit Ueberwindung so vieler Hindernisse eine wissenschaftliche Carriere anstreben, müßten doch einen unüberwindlichen Drang nach Höherem haben und besonders begabt sein? „Beides ist falsch!" ruft der Herr Hofrath. „Tollheit ist's, welche diese Leute in's Studium treibt", und die Species dieser ..Tollheit" ist „Eitelkeit", ihre und die der Eltern. Die meisten dieser Leute sind schwach begabt für Naturwissenschaften, meist absolut ungeschickt zum Arzte." Und wenn nun doch „wirklich ideales Streben bei Einzelner! da wäre, so ist damit noch keineswegs bewiesen, daß sie talentvoll sind." Der „unsägliche Fleiß, die unsägliche Schaffenswuth" sie sind die Begleiter „absoluter Talentlosigkeit." „Solche Streber mit einem Strohkopfe, mit blöden, halb blinden Augen, mit Händen wie Blei, einem Gehirn wie Lehm, mit einem lexikalischen Wissen und einem rührenden Nichtskönnen, die gibt cs gerade unter diesen armen Medrcin Studirenden in ziemlicher Menge; sie zittern, wenn man sie im Examen anspricht, und verlieren ihr bischen Verstand völlig, wenn man sie scharf anstehtre. Billroth beklagt es, daß die Studenten, die armen natürlich, den Mangel häuslicher Erziehung aufweisen; und die Juden erst — Billroth nennt sie gar schonungsvoll „Israeliten" -- sie sind nur von den materiellen Erfolgen der Carriöre angezogen, diese ist Glückssache, „sie reizt also wie das Spiel." Es ist hier nicht der Ort, die bornirten Ansichten des Herrn Billroth über die Berechtigung und Befähigung der Armen für das medicinische Studium zurückzuweisen, wir wollen uns nur auf das beschränken, was speciell die Juden angeht. Der Herr Hofrath meint, es sei einerseits Eitelkeit, andrerseits Speculation, was die armen Juden zum Studium der Medicin treibe, „denn, sagt er, wäre es wirklich ein unwiderstehlicher Drang, ein inneres gewaltsames Müssen mit Mißachtung des Hungertodes (!), dann müßten diese armen jüdischen Studenten sich auch in ähnlicher Menge auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, der Philosophie, der Geschichte, der Sprachwissenschaften, ebenso häufig finden; das ist indessen nicht der Fall." Der Verfasser hat eS jedoch ganz übersehen, daß das Bedürfniß nach Aerzten ein weit größeres ist, als das nach Lehrern der Naturwissenschaften, der Geschichte; daß die medicnischen Facultäten deßhalb um Vieles mehr frequentirt sind, als die übrigen; daß die Wiener medicinische Schule an Ruf seit Jahrzehnten alle anderen Facultäten überstrahlt und gerade an ihr die Duldsamkeit, der entschiedene Liberalismus berühmt war, was die ungeheure Frequenz erklären mag; daß also unter den zahlreicheren Medicinern deshalb auch die Juden zahlreicher sind. Er hat ferner nicht entfernt bedacht, daß das medicinische Studium den Juden mehr zusagt, als jedes andere . daß Juden Aerzte waren im christlichen Mittelalter, in Spanien unter den Mauren, von jeher. Er hat nicht entfernt erwogen, daß die medicinischen Studien die einzigen waren. welche bis vor Kurzem dem Juden einen Erwerb sicherten; daß ihm die Advocatur — einzelne ernannte Advocaten waren rari nantes in gurgita vasto — das Lehramt, das Richteramt, jede Beamtenlaufbahn verschlossen waren — im Concordatsstaate. Arzt aber konnte der Jude werden, seine Hilfe verschmähte der fanatischeste Ultramontane im Augen blicke der Roth nicht; der ärztliche Beruf sicherte dem Juden Freizügigkeit, gab ihm Unabhängigkeit. Seitdem sich diese Verhältnisse geändert haben zählen die jüdischen Advocaten nach Hunderten, ebenso die Gerichtsbeamten, Lehrer u. s. w. Ein Blick auf den Lectionsplan einer einzigen — der Wiener — Universität zeigt uns Männer von höchstem literarischen und academischen Verdienste in der juridischen und philosophischen Facultät, von jüdischer Confession oder jüdischer Abkunft unter den Professoren. Wer weiß es nicht, daß der Jude Jaffa (vor wenigen Jahren gestorben) als die größte Autorität auf dem Gebiete der Kirchengeschichte galt, daß Goldschmidt (Heidelberg, Leipzig, Berlin) heute als die bedeutendste Kraft auf einem Gebiete der Jurisprudenz gilt? Der berühmteste Botaniker, Cohn, der hervorragende Cohnheim , schlagen sie nicht alle rumänisch klingenden Argumente nieder? Einem jüdischen Arzte, Dr. Herz, wurde vor Kurzem in Erlangen vor dem Universitäts-Gebäude ein von Meister Zumbusch modellirtes Denkmal errichtet. Wir nennen einen preußischen Arzt, Dr. Johann Jacoby, an dessen aufopferndes Wirken als Arzt in den schweren Tagen der Epidemie, an dessen wahrhaft antike Principientreue als Politiker Niemand erinnert zu werden braucht; wir schließen den Namen des Dr. Adolph Fischhof an, bis vor Kurzem einer der meistbeschäftigten Aerzte Wiens, der, ein leuchtendes Muster von Patriotismus, Freiheitsliebe, Charakterfestigkeit und edelster Selbstverleugnung, „ungarisch-jüdischer Arzt," die schlagendste persönliche Widerlegung von Billroth's Ansichten ist. Jacoby und Fischhof haben die „Romantik de§r Martyriums", das angeblich die Juden meiden, genossen. Und die ungarischen und galizischen

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