Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1875)
- Date
- 1875-11-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447603-2447639--11983-2467790- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1039 seiner Schlußäußernng in der Predigt bei Einweihung der dortigen Synagoge: Stuttgart unser Jerusalem. ES scheint, daß Sie, Herr Dr., das deutsche Sprichwort „es kömmt selten etwas Besseres nach" bewahrheiten wollten, denn die von Ihnen angeblich gesprochenen Worte stellen das ganze ReligionSgesetz nicht allein in Frage, sondern öffnen der Willkür Thür und Thor. ES schien mir anfänglich fast unglaublich, daß Sie als Rabbiner, wenn auch Neolog, sich so weit vergessen und versteigen sollten, mit solchen Albernheiten deutlich ausgesprochene Thora-Gesetze außer CourS setzen zu wollen, und ich war geneigt, an der vollen Richtigkeit des Berichtes zu zweifeln. Deßhalb wartete ich eine zeitlang ab, ob Sie nicht etwa öffentlichen Protest gegen den Berichterstatter ergehen ließen. Da dieses aber nicht geschehen, so muß man schon annehmen, daß obiger Bericht auf voller Wahrheit basire. In dieser Voraussetzung habe ich Ihnen, Herr Dr., nur eine Frage vorzulegen. Glauben Sie an die Göttlichkeit der mm oder glauben Sie nicht daran? Ist letzteres der Fall, so haben wir kein Wort mit Ihnen zu verlieren; denn dann fehlt Ihnen nicht nur jegliche Berechtigung sich als Rabbiner zu geriren, sondern Sie ständen dadurch total außerhalb des Judenthums. Ist aber ersteres der Fall, so können Ihren erwähnten Aeußerungen wohl keine andere Motive zu Grunde liegen, als die irrigste Meinung, die Thora-Gesetze könnten nach menschlicher Auffassung, nach Zeit und Umständen gedeutet und modificirt werden, und deßhalb setzen Sie, Herr Kirchcnrath, das ni2v - Gebot außer Wirksamkeit, weil in unserer Zeit das Darandenken an Grund, Zweck und Bedeutung der pdid und des nna-Festes vollkommen genüge. Wo kommen Sie aber, Herr Doctor, hin mit solcher Willkür? Haben Sie nicht bedacht, wenn es keine roiD mehr gibt, so gibt es auch kein n,2v- Fest und genügt auch hierbei das Daran denken? Ferner gibt die mm ebenfalls zum Verbote am ms, pan zu genießen und dem Gebote am ms nur nsa zu essen, den Grund an, damit die Erinnerung an dem Auszug aus Aegypten in unserem Gedächtniß bleibe. Also auch hier können und müssen Sie geltend machen, daß unsere Zeit solcher sichtlicher Erinnerungszeichen nicht mehr bedürfe, auch hier müßten Sie lehren, man darf in der Jetztzeit am Peßachfeste pan essen. Dadurch würde noch viel mehr Geld erspart werden, als die Ausgaben für D'j'a nymx, den sogenannten Feststrauß, verursachen. Was braucht Sie, die darauf gesetzte Strafe von mo, die Strafe der Ausrottung, zu bekümmern? Sie erklären einfach, daß dieses nicht mehr zeitgemäß sei, und die Erinnerung an den Auszug aus ansa auch ohne msa geschehen könne. Deßgleichen können Sie n'ss nm und t'^sn, die ebenfalls Erinnerungsgebote sind, beseitigen. Sogar nasr könnte unter Ihr Secirmeffer fallen, denn auch hier ist die Erinnerung angegeben, daß Gott die Welt in sechs Tagen etschaffen und am siebenten geruht hat und sogar in den nnn mjnnN ist dabei das Andenken als Grund angegeben, daß Du Knecht warst im Lande cp-bd und Gott Dich mit starker Hand daraus befreite, deßhalb hat Gott Dir befohlen den rat? zu feiern. Consequenter Weise müssen Sie auch hier sagen, unsere aufgeklärte Zeit bedarf solcher sichtlichen Erinnerungszeichen nicht und somit wäre auch der rov beseitigt. Sehen Sie, Herr Dr., zu welchen Consequenzen Ihr Vorgehen führt? Ja, nach dieser Richtung fällt die ganze min zusammen, denn dann kann ein Jeder sich seine Religion nach Gutdünken einrichten. Will einer z. B. essen, nun, dann sagt er. die Speisegesetze waren nur klimatische Gesetze, die in unserem gesunden Klima nicht mehr anwendbar seien, u. s. w., denn dieses werden Sie. Herr Dr., doch wissen, daß es im Judenthume keine persönliche Autoritäten gibt, und jeder Laie in solchen Dingen Berechtigung hat, wie jeder Rabbiner. Wie Sie aber als Oberkirchenrath und Rabbiner zum Umsturz der ganzen jüdischen Religioa beitragen wollen, ist um so unbegreiflicher, als Sie hierdurch gleichsam sich selbst Ihr Grab Herrichten; denn zu was soll dann noch ein Rabbiner von Nöthen sein, etwa zum Abschütteln des Religionsgesetzes? dazu braucht, wie gemeldet, der Laie keinen Rabbiner, casuistische Fragen gibt es ja bei solcher Anschauung keine. Auch zu Trauungen braucht man jetzt nach Einführung der Civilehe keinen Rabbiner, und will sich Jemand religiös trauen lassen, so dürfte er dieses bei einem neologen Rabbiuer kaum erreichen, denn, wie Sie wissen, Herr Dr., hat der Rabbiner als solcher dabei keine Function. Zu den Haupterfordernissen der religiösen Trauung gehören vor allem 2 Zeugen, die nach jüdischem Religionsgesetze als Zeugen die Befähigung haben. Unter uns gesagt, Herr Dr., werden Sie wohl wissen, daß viele neologe Rabbiner diese Eigenschaft selbst nicht besitzen, daher schwerlich andere Zeugen wählen, die auch nach dem Neligionsgesetz Giltigkeit haben. Ihr Vorgehen characterisirt Ihre ganze Richtung. Der Neologe setzt sich über die Thora- Gesetze deßhalb hinweg, weil sie ihn geniren, weil sie seiner Genußsucht Schranken setzen. Erst spä-