Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1875)
- Date
- 1875-11-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1015 Wir hoffen zu Gott, daß durch die Gründung und das Emporblühen einer orthodoxen Gemeinde in Cöln für ganz Rheinland und Westphaten in jüdisch-religiöser Beziehung eine neue Aera beginnen und daß Herr Dr. Plato für Cöln werden möge, was dessen Schwiegervater, Herr Rabbiner Hirsch, für Frankfurt am Main geworden, wo echtjüdisches Leben unter Gottes Beistand zu einer kaum gehofften, glücklichen Entfaltung gelangt ist. pnEP pi nai’ p Nkiscbrikfr. XI. Mainz, 10. September. So bin ich denn, G. s. D., wohlbehalten, gekräftigt-und gestärkt , wieder zu Hause angelangt und habe nur noch über den Schluß meiner Reise zu berichten. Wie doch so schnell die Zeit vergeht! Gestern waren es gerade drei Wochen, daß ich nach Baden-Baden abreiste, von wo ich mich, nach einem zwölftägigen Aufenthalte in die Schweiz begab, und ich habe dort in nur neun Tagen wohl mehr gesehen als Mancher in mehreren Monaten; freilich war ich auch stets vom besten Wetter begünstigt. Von Zürich aus brachte uns der Eisenbahnzug nach Daxen, einer Station vor Schaffhausen, wo wir auSstiegen, um den berühmten Rheinfall, den mächtigsten Wasserfall Europas zu besuchen. Als wir uns zu dem Wasserfalle begaben und schon aus ziemlich bedeutender Entfernung das Rauschen der ungeheuren Wassermassen vernahmen — der Rhein ist hier circa 400 Fuß breit und stürzt auS einer Höhe von ungefähr 80 Fuß, mit ungeheurem Getöse, fast senkrecht an den Felsen hernieder — da stieß mir die Frage auf, ob man wohl Berochoh sagen müsse oder nicht. Es heißt zwar in der Mischnah „nnnai ü’ü’ über Meere und Ströme;" doch wird in der Gemara der Begriff „Ströme," auf die vier in der Schöpfungsgeschichte erwähnten — für uns also nur auf Euphrat und Tigris — beschränkt; doch gehören gewiß die Felsen, von denen der Rhein hernied'erfällt in die Kategorie derjenigen □na trnan moa rrow a'jwon rojoai onn „Berge und Hügel, die ausgezeichnet sind, und an denen sich die Allmacht des Schöpfers offenbart." (Vergleiche Schulchan Aruch, Orach Chajim c. 228 V. 3). Allein es waltet beim Rheinfall ein anderer Umstand vor, der mich veranlaßte, das Sprechen der Berochoh zu unterlassen. Es ist nämlich auffallend, daß Keiner der Schriftsteller der alten Welt des Rheinfalls Erwähnung thut, während doch der Rhein und die Schweiz den Römern genau genug bekannt waren. Ein Wasserfall, der seinesgleichen in ganz Europa nicht hat, hatte doch mindestens einmal erwähnt werden müssen. Aus diesem Umstande wollen Viele den Schluß ziehen, daß im Alterthume der Lauf des Rheins ein andrer gewesen, daß er von Sargavs aus sich westlich dem Wallen- und dem Züricher See zugewcndet habe, während jetzt in der Nähe von Sargans ein von Menschenhänden aufgeworfener Damm den Rhein zwingt, die nördliche Richtung beizubehalten. Demnach wäre es möglich, daß der Rhei fall bei Schaffhausen erst nach der Römerzeit entstanden sei; daß aber in einem solchen Falle die Berochoh n'va'2 rwyo nmy nicht sachgemäß, sagt die Gemarah (Berachoth 59b) ausdrücklich, und jpn? no->3 pso. Es ist ein ergreifender Anblick, wenn man unten im Rheinthal steht und die unter Donnergetöse zu weißem Schaum werdenden Wassermassen herniederstürzen sieht und einzelne Tropfen der gewaltigen Gischt uns Gesicht und Hände netzen, während die Kleidung Gummi-Mäntel schützen, in die ein sorgsamer Diener die Besucher des Rheinfalls einhüllt — und unten fließt der Rhein so ruhig und friedlich weiter, wie wenn nichts geschehen wäre. Es ist ein Bild meines Volkes, sagte ich mir. Wer hätte gedacht, daß Israel die Katastrophe des Zusammensturzes, der Zerstörung, der Zersplitterung in Atome zu überdauern vermöchte! Gerade wie dieser Strom da im ruhigen Laufe an den Abgrund gelangt und gleichsam kopfüber hinunterstürzt, dabei in Milliarden Atome zerstiebt, so wurde Israel von den Römern gestürzt, zertheilt, zerstreut, und doch bilden all die Atome Tbeile einer einzigen Gesammtheit und warten nur des Rufes, um sich wieder zu vereinen. Die Sonnenstrahlen, welche schräg über dem Wasserfall sich lagerten, bildeten eine ganze Reihe herrlicher Regenbogen und ließen die schäumenden Wassermassen gleich Bergen von Rubinen, Saphiren, Smaragden und Diamanten erscheinen. Nur ungern trennten wir uns von dem wundervollen Anblick; doch mußten wir uns nach Daxen zurückdegeben, um den Zug zu erwarten, der uns nach Schaffhausen führen sollte. Schaffhausen ist eine alterhümliche Stadt; auch hier wohnen seit ganz kurzer Zeit einige Glaubensgenossen — im ganzen Canton 24 jüdische Seelen. Gestern, Donnerstag, 9. September, in der Frühe führte uns die neue Schwarzwaldbahn dlych den Höhengau an den Ruinen alter Felsenschlösser vorüber nach Donaueschingen, wo