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Der Israelit · 1875-11-10 · Heft 45 (10.11.1875) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 45 (10.11.1875)
Date
1875-11-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Xvl. Jahrgang. Erste Oeilagr zu Ar. 45 des Israelit. Leitender Artikel. Nrisebriefe. x. Zürich, 8. September. .mW p“D V'L" IDD'.nD 82" JHrD N1H1 „Und der Sonnenball — wie ein Bräutigam tritt er hervor aus seiner Umhüllung, freut sich, wie ein Held zu durchlaufen die Bahn." (Psalm 19,6 ) Sonnenaufgang! Welch' ein Reiz liegt in diesem Worte! Wer sehnt sich nicht, ste hervortreten zu sehen, die herrliche Königin des Tage- und wie Wenige genießen dies wunderbare Schauspiel, da es bei uns Gewohnheit geworden, an den schönsten Sommertagen bis lange in den Tag hinein zu schlafen! — Mit desto größerer Hast beeilen sich die Rigi-Gäste, das prachtvolle Schauspiel zu erblicken. Die Töne eines Alpenhorns weckten mich aus tiefem Schlafe. Aufspringen, Waschen, Anziehen geschah mit größter Hast, und ich glaubte der Erste auf dem Gipfel zu sein. Allein, da irrte ich mich sehr. Schon waren die Treppen des Gasthofes belebt, rufend und schreiend in allerlei, europäischen und außereuropäischen Sprachen, eilte Alles dem Ausgange zu und klomm den steilen Gipfel hinauf. Noch glänzten die Sterne am Horizont. Da leuchtet ein Lichtschimmer auf im Osten, der allmählich sich wie ein Goldreif um den Rand des Himmels legt; dann sieht man den Sonnenschein auf den schneebedeckten Gipfeln der Alpen, bis endlich der Sonnenball hervortritt, plötzlich, schnell, groß, Gluthstrahlen versendend und die ganze, scheinbar in's Unendliche sich dehnende Landschaft beleuchtend. Wälder, See'n, Hügel, Städte und Dörfer werden sichtbar, und jetzt ist der Blick in die Landschaft am Freiesten. Tief unter uns bedeckten den Zuger See dichte Wolken; aber man konnte über die Wolken hinaussehen. Die anderen See'«, außer dem Vierwaldftädter See noch elf kleinere, waren alle sichtbar. Den hervortretenden Sonnenball begrüßte ein allgemeines „Ah"! Dies Wort muß wohl international sein und den Menschen aller Zungen gemeinsam. Dann aber drückten die verschiedenen Nationen Angehörenden in ihrer Heimathsprache ihre Bewunderung aus. „ülaAnifi^ue!“ riefen die Franzosen, „Yery fine!“ die Engländer, „Moie, Moie!“ die Holländer und die zahlreichen Deutschen hatten eine ganze Fluth von Eigenschaftswörtern auszuströmen. A -r Possierlichsten aber gab eine neben mir stehende Dame ihrem Entzücken Ausdruck. „Gerade wie im Propheten!" rief sie. Die Aermste hatte bisher den Sonnenaufgang einzig im Theater gesehen!! „Habe ich nicht Recht, mein Herr?" fragte ste mich. — „Ich bedaure, Madame, Ihr gediegenes Urtheil nicht bestätigen zu können," entgegnete ich, „ich besuche das Theater nicht." Da sah mich die Frau — es war eine Glaubensgenossin — groß an. Für welch' einen Barbaren mußte mich die Dame halten, daß ich den Sonnen- Aufgang in Meyerbeer's „Prophet" noch nicht gesehen! Gibt nicht dieses naive Wort: „Gerade wie im Prophetenzu denken? Wirft es nicht ein Licht auf die eigenthümliche Beschaffenheit unserer Bildungszustände? Da gibt es Menschen, die zu den Gebildeten zählen, die aber Gottes Herrlichkeit nicht schauen und von der wunderbaren Schöne ^Seiner Welt keine Ahnung haben. Theater und Kaffeeklatsch und Tafelfreüden, das ist die Welt, in der sie leben, und wenn sie einmal in Gottes freie Natur hinaustreten, dann ist ihr Auge blöde und unempfänglich und sie meinen, der liebe Gott veranstalte nur die Nachahmung eines Meyerbeer'- schen Theater-Coup's. Die Zahnradbahn führte uns auf der andem Seite des Berges nach Arth herunter, c. .Goldau vorbei, wo noch die Trümmer jenes gewaltigen Berges liegen, der am 2. September 1806 zusammenstürzte und das große und reiche Dorf, das später an derselben Stelle wieder aufgebaut wurde, begrub; über 700 Menschen sollen damals von den Trümmern des Berges erschlagen worden fein. In Arth nahm uns das Dampfboot auf, das uns über den lieblichen Zuger See nach Zug brachte. Noch einmal erblickten wir die schneebedeckten, in der Sonne erglänzenden Gipfel der Berner Hochalpen, dann nahm uns in Zug der Eisenbahnwagen auf, der uns hierher nach Zürich brachte. Zürich ist eine schöne, große, reiche Handels¬ und Fabrikstadt; es wohnen auch einige Glaubensgenossen hier; allein die religiösen Verhältnisse der Israel. Gemeinde sind nicht sehr erfreulich. Die Lage der Stadt am Züricher See ist sehr schön;

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