Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1875)
- Date
- 1875-11-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1000 Kreisen, viele Unterzeichner finden. — Alle Anwesenden erklärten sich mit Vergnügen zur Unterschrift bereit. Tondern konnte es nicht erwarten bis das Gesuch abging. Prinz Adalbert, der mittlerwcise von seiner Reise um die Welt^ zurückgekehrt war, übernahm es, das Gesuch zu überreichen und zu befürworten/' „Diesem Bittgesuch also haben Sie Ihre Befreiung zu danken," frng Carl Eberstein, ein Glas Himbeerwasser von der silbernen Platte nehmend, wrlcke ein Diener auf Roberts Befehl auf den Tisch gestellt hatte. „Nein — das Gesuch hatte wohl die Aufmerksamkeit des Königs auf meinen Prozeß gelenkt; aber bevor dasselbe noch erledigt werden konnte, war ich schon auf freien Fuß gesetzt. — Olbig, der Oberdrescher, dessen Gespräch mit Fallenberg ich in jener verhängnißvollen Nacht belauscht hatte, war — merkwürdig genug — als er das erste Mal, den neugebauten Heuboden, der an der Stelle des abgebrannten ' errichtet worden war, betreten, aus einer Bodenlucke, drei Stockwerke hoch, herabgestürzt, hatte beide Füße gebrochen und war zu Tode erkrankt. Vor seinem Sterben ließ er den Pfarrer, Baron Tondern und den Dorfschulzen rufen und gestand ihnen, daß er über Fallenbergs Anstiften gegen hohe Bezahlung das Feuer im Schlosse angelegt, nachdem er zuerst für Fallenberg einen Schlußzettel hätte entwenden sollen und er irrthümlich den unrichtigen ergriffen hatte. Er habe, sprach der Sterbende, seit meiner Verurtheilung keine ruhige Minute verlebt . . . . als e>- wieder das erste Mal den Boden betrat, war U)Vn jene entsetzliche Nacht wieder lebhaft vor die Seele getreten, er hatte mich vor sich zu sehen geglaubt, wie ich mit Lebensgefahr die drei Kinder aus den Flammen errette .... und wie ich zum Danke dafür zu langjähriger Kettenhaft verurtheilt worden war .... er glaubte mich bleich, gefesielt vor sich zu sehen .... ihn schwindelte und so war er durch Die Bodenlucke herabgestürzt. — Tondern ließ über seine Aussage ein rechtskräftiges Protokoll ausfertigen .... eine Stunde spater stand Olbig vor einem hohen Richter . . . . vierundzwanzig Stunden darauf war ich frei!" Lowenstamm hielt mit einem Athemzuge wieder inne. „Was war aus Fallenberg geworden?" ftug Robert. „Fallenberg verschwand spurlos. Man wußte nicht, war es die Entdeckung seines FalschspielenS, die ihn zur Flucht veranlaßte, oder was wahrscheinlicher scheint, hatte er erfahren, daß in dem Schooße des adeligen Casinos eine Revision meines Prozesses angestrebt werde, welche unter den gegenwärtigen Verhältnissen verhängnißvoll für ihn hätte werden könne. Er reiste plötzlich ab. Seine Besitzung wird vorläufig sequestrirt, sie wird unter den Hammer kommen. Ich empfing von Baron Tondern den ihm geleisteten Schadenersatz, von der Regierung die Prozeßkosten, zusammen mehr als vierzigtausend Thaler, und dieser Betrag wird aus Fallenbergs Vermögen hereingebracht werden. Er wird steckbrieflich verfolgt." „Sie müssen von eigenthümlichen Gefühlen bewegt worden sein," sprach Robert, „als Lie sich wieder frei fühlten .... als Sie in den Besitz Ihrer Ehre, Ihres Vermögens gesetzt wurden." „Tondern holte mich in seinem Wagen au« dem Gefängnisse ab, er warf sich mir schluchzend an den Hals. Ich hatte' erfahren, meine Freunde wollten mich in meinem Hause feierlich empfangen, ich verbat mir dies für den ersten Abend . . . . Die ersten Worte, die ich sprach, als ich mein vereinsamtes Haus betrat, waren: Boruch hatow •wehametiw! *) Kurz darauf erfuhr ich den Tod meiner unvergeßlichen Gattin — vor zwei Stunden — daß mein Kind, meine theure Susanne, die unglücklich geheirathet hatte, wieder frei ist — daß sie, so lange sie gefesselt und unglücklich war. keine Nachricht von sich geben wollte, in ihre Heimath zurückgekehrt .... und so zog unsäglich Leid und Freud' in jähem Wechsel und stets doch in die Tiefen meiner Seele greifend, erschütternd und erfreuend, niederbeugend und erhebend — an mir vorüber!* Löwenstamm hatte seine Erzählung beendet. Es war eine lange tiefe lautlose Pause eingetreten, jeder der drei Männer hing seinen Gedanken nach — und jeder war erfreut als der Diener die Thür öffnete und ankündigte: „Das Souper ist fervirt. (Forts, folgt.) *) Gelobt seist Du Gütiger und Wohlthätiger. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. Gottsleben'- Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)