Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1875)
- Date
- 1875-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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995 mäßigen Schritten wie sie, die bis jetzt nichts gethan hat. Wir haben nicht nöthig als Kämpe für Herrn Lasker aufzutreten, er steht zu hoch, als daß er unserer schwachen Kraft bedürfe, wir haben es nur mit der Sache zu thun, nicht mit Personen. Sehen wir daher, wie der hochwürdige Herr Rabbiner seine zwar durch Schmeicheleien, die wir weggelassen haben, verhüllten — denn man will es auch mit Herrn Laster nicht ganz verderben — aber immerhin harten Beschuldigungen motivirt. Der Christ, meint der Herr Rabbiner, tonne allerdings in Preußen aus seiner Kirche treten, ohne damit aus dem Christenthume zu treten, aber nur deßhalb, weil das Christenthum ein idealer Begriff sei, das Judenthum aber habe keine Confessionen, der Jude müsse daher aus dem Judenthume ausscheiden, wenn er seiner Gemeinde nicht mehr angehören mag, denn alle Gemeinden seien sich gleich bis auf vier, wo lediglich cultuell verschiedene Gepflogenheiten walten. Ist dies auch wahr, Herr Rabbiner, Hand auf's Herz, ist dies auch wahr? walten höchstens cultuelle Unterschiede? Ist nicht ein unendlich weiter Unterschied zwischen einer orthodoxen Gemeinde, die auf Thora, Awodah und Gemiluth Chassadim, auf das Gottesgesetz, den Gottesdienst und die werkthätige Menschenliebe, diesen drei Grundfäulen des Judenthums, basirt, die Erfüllung, Erhaltung und Förderung des Gottesgesetzes sich zur Aufgabe macht und einer reformistischen, die wohl das Letztere, die werkthätige Menschenliebe, einige Reste des Zweiten, des Gottesdienstrs, noch cultivirt, das Erste, die Gotteslehre, gänzlich aus ihrem Pflichtencodex gestrichen? Ist kein confessioneller Unterschied zwischen dem orthodoxen Juden , der durchdrungen von der Heiligkeit der Thora, von der Göttlichkeit des Gesetzes MoseS, unseres großen Lehrers, diesen Lehren folgt in jeder Nuance seines Lebens, ihren Vorschriften nachzukommen sucht und nichts thut, was sie verbieten, mögen ihm dadurch auch die größten Opfer, die größten Entbehrungen auferlegt werden, dem orthodoxen Juden, der mit jeder Faser seines Herzens an seiner Religion, dem Judenthume. hangt, und dem Reformer, dem die Thora ein Plunder geworden, von dem er sich mehr oder weniger emancipirt? Sie nennen das Christenthum einen idealen Begriff, leider; ist das Judenthum für Äiele ein idealer. Begriff geworden, die Idee' eines höchsten Wesen oder gar nur einer höchsten Kraft. Wenn der Unterschied der Confessionen in der Verschiedenheit der Dogmen besteht, so ist keine Confession weiter von der anderen entfernt, als der strenggläubige Jude von dem reformistischen, wenn aber von staatlich anerkannten confessionellen Institutionen, die uns fehlen, die Rede ist, so erwidern wir hierauf, daß wir Juden in Preußen auch keine Landeskirche mit staatsrechtlichen Institutionen besitzen und daß wir Eure Bestrebungen, das Judenthum zu einer staatsrechtlich organisirten Kirche zu machen, verwerfen, wir wollen weder von Euren Rabbinerversammlungen, noch von Euren Gemeindetagen und Synoden etwas wissen. Unser Codex ist uns längst gegeben, wir wollen ihn von Euch weder vermehrt noch vermindert wissen. Die einzige reale und staatsrechtliche Institution, die wir besitzen, ist die Gemeinde. Die verschiedenen Gemeinden stehen jedoch in keinem gegenseitigen, in keinem staatsrechtlich confessionellen oder kirchlichen Zusammenhang, jede kann ganz nach Herzenslust reformiren und reformirt ganz ohne Rücksicht auf die anderen Gemeinden, es erfüllt sich das Prophetenwort rn -jny isd’d, „die Zahl deiner Städte ist die deiner Götter," fast in jeder größeren Stadt findet sich ein Neformheld, ein Rabbiner, der, fest an seine eigen Unfehlbarkeit glaubend, den Strenggläubigen das „mm possumus“ entgegenhält, ein Rabbiner und das bedeutet, wie uns der gelehrte Herr Rabbiner erklärt, ein Herr und das Nabbinai die Herrschaft. So scheinen es auch die gleichgesinnten Herren College« des Herrn Rabbiners aufzufassen und von dieser Herrschaft den ausgedehntesten Gebrauch zu machen. Nach unserem bescheidenen Laienverstande ist Rabbiner 21 im Gegensatz zum Tö^n „der Lehrer". In einer Beziehung, das müssen wir zugeben, gleichen sich viele jüdischen Reform-Gemeinden: das ist in dem Mangel oder dem Verfall der für das jüdische Leben erforderlichen Institutionen und Anstalten, in der gänzlichen Vernachlässigung von Lehre und Schule, nichts ist ihnen geblieben, als Rabbiner und Synagoge, der erstere' ist wenigstens in solchen Gemeinden nur Cultusbeamte, letztere Cultusstätte, es ist natürlich, daß sich solche Gemeinden nur in cultuellen Anordnungen unterscheiden können, und diese Verschiedenheit besteht nur darin, ob mehr oder weniger die alten jüdischen Gebete verdrängt sind, ob mehr oder weniger geblieben. Für uns bleibt sich dieses Letztere vollständig gleich. Wir bedauern lebhaft, daß es keinen staatsrechtlichen Zusammenhang zwischen diesen Reformgemeinden gibt, daß keine vom Staate anerkannte Nesorm- Confession vorhanden, daß wir daher nicht unseren Austritt aus dieser Confession erklären und damit laut verkünden können, daß wir mit diesen Reformbestrebungen nichts zu schaffen haben, daß wir ihnen den Rücken kehren und uns feierlichst von ihnen loSfagen. Leider ist uns das nicht möglich;