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Der Israelit · 1875-11-03 · Heft 44 (3.11.1875) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 44 (3.11.1875)
Date
1875-11-03
Page
– (sequence 18)
Language
German
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990 Lange stand der Minister in Gedanken versunken da. Dann zu seiner Arbeit zurückkehrend, griff er gleichgültig nach der Depesche, die ihm der j Secretar vorhin übcrbracht hatte. Aber kaum hatte j er sie geöffnet und einen Blick hineingeworfen, als j eine Todtenblässe sein Gesicht überzog: i „Dein Vater/ las er, „wird den kommenden! Tag nicht überleben; wenn Du ihn vor seinem; Tode sehen willst, so komme umgehend. j Dein Freund." j Das Papier entfiel seiner Hand. Er bedeckte : seine Augen — und weinte. j Ein Stunde darauf war er auf dem Wege nach! seiner Heimath. — —---— j In einem Hinterzimmer des Herzfkld'schen s Hauses standen zehn jüdische Männer um einen! Tisch, auf dem zwei große Wachskerzen brannten, . und beteten, bald leise murmelnd, bald laut rufend! und klagend- Ihre Augen waren auf ein in einer j Ecke befindliches Lager gerichtet, das von den Lich-! tern nur halb beschienen wurde. Ein alter, abgej zehrter Mann lag darauf und rang mit dem Tode.! Seine Seufzer und Schmerzenslaute mischten sich! in die Gebete der Männer, die jedesmal ihre Stimme erhoben, wenn die Weherufe des Sterbenden durch das Gemach hallten. „Gott, Gott," rief er, „warum läßt du mich Nicht sterben? . . . Gabriel! . . . Gabriel!" Dann lag er einen Augenblick still da, und die Männer beteten flüsternd, aber dann schrie er wieder jäh auf: „Wehe! Wehe! Nehmt mir die Reue von der Brust ... ich kann nicht sterben! Wehe, ich kann nicht sterben!" Und er wand sich in Zuckungen des Schmerzes, und kalter Schweiß trat auf seine bleiche Stirn, und sein Auge glühte unheimlich aus den tiefen Höhlen hervor in's Leere. Einer der Männer trat an das Lager und legte seine Hand leise auf das Haupt des Dulders: .Betet zu Gott, Jacob, er ist allgütig." „Er will mich nickt sterben lassen, weil ich meinen Sohn verflucht habe," flüsterte der Arme, „holt meinen Sohn herbei, holt meinen Sohn. Ach! Ach!" „Wir wollen ihn holen," sagte der Mann und trat zu den Uebrigen, fchmerzgebeugt den Kopf schüttelnd und eifrig seine Gebeie wieder ausnehmend. .Minutenlang drangen die entsetzlichen Seufzer des Sterbenden zu den Betern hinüber .... Da plötzlich fuhren sie erschreckt aus. Es klang wie ein Zischen vom Bette her. Jacob Herzfeld saß aufrecht in demselben und stierte mit verglasten Augen auf den Eingang des Zimmers. Dann beugte er sich vor, soweit er konnte und stieß hastig mit heiserer Stimme hervor: „Gabriel, mein Sohn . . . komm'! komm'!" .. Den Männern versagte die Stimme, mit Entsetzen blickten sie auf dieses Bild. Da tönen Schritte vor der Thüre ... sie öffnet sich ... ein Mann stürzt herein und wirft sich an dem Lager nieder. „Gabriel!" schreit der Sterbende .... und schlingt seine welken Arme um den Hals des Knieenden. „Gabriel, mein Sohn! Mein Sohn!" schluchzte er. ..Vater, vergib mir . . ." ..Gabriel," fuhr der Alte fort, „ich kann nicht sterben, mein Sobn, nimm die Reue von meiner Brust! . . ." „Nicht Du, Vater, nicht Du .... ich bereue schwer und bitter." __ „Laß mich sterben, mein <L>ohn . . . seine Stimme wurde lauter, seine Arme ließen den Kopf des L-ohnes frei . . . „bei Gottes Barmherzigkeit, laß mich sterben! Sprich Gabriel: bist Du ein Jude?" Der Alte batte es hastig hervorgestoßen und bohrte leine Blicke in das Gesicht des Sohnes. Seine Brust hob sich krampfhaft, und sein Athem ging in ein schnelles Röcheln über. „Sprich, Gabriel," wiederholteer . . . bist Du ein Jude? " Es war still, todtenstill in dem Zimmer. Ein Zucken lief durch den Körper des Knieenden. „Weh'mir!" schrie der Alte und sank erschöpft in die Kissen zurück. „Weh' mir! er läßt mich nicht sterben . . . O Gott, mein Gott!" . . . Da erhob sich Gabriel Herzfeld. Sein Auge glitt sanft über den Kranken hin, und sein Mund öffnete sich, und lauf klang es durch die Stille des Todes: „Schma Israel, Adonai elohenu, Adonai echod!"*) Jacob Herzfeld richtete sich jäh empor. Sein Ohr lauschte dem heiligen Worte, wie den Posaunenklängen des jüngste« Tages. Sein Antlitz war übergossen von überirdischem Glanze, sein Auge leuchtete wie das himmlische Licht. Aufrecht saß er da gleich einem Propheten und mit starker Stimme jauchzte er: „Schma Israel, Adonai elohenu, Adonai echod!" Und Schma Israel — wiederholten inbrünstig die zehn Männer . . . Jacob Herzfeld aber sank zurück auf sein Lager und «lauschte, und ein Lächeln friedlich und j *. Höre \5v1a, der üroige, unser Eott, ist ein einiger Go«!

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