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Der Israelit · 1875-11-03 · Heft 44 (3.11.1875) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 44 (3.11.1875)
Date
1875-11-03
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XVI. Jahrgang. Zweite Geitage?n Ar. 44 des Israelit. Feuilleton. Heyfttd Vater and Sohn. Eine Erzählung von Dr. Julius Weil. (Schluß.) Solchen, denen gemeine Naturen unterliegen, war er nicht ausgesetz't, aber vor denjenigen hatte man versäumt ihn zu warnen, welche seinem Ehrgeiz das Wort redeten. Ihnen zu widerstehen reicht die Charakterstärke eines Jünglings selten hin. Auf Anrathen seiner Gönner studirte er die Staats - und Rechtswissenschaften. Seinem scharfen , kritischen Geiste sagten sie am smeisten zu. Bald begann er seinen Namen in ihre Annalen einzuzeichnen. Aber inzwischen hatte sein Ehrgeiz immer mehr Nahrung erhalten; er fühlte sich berufen, im Staatsdienste seine Kräfte zu entfalten und er hielt sich für befähigt, hier unter den Ersten zu stehen. Je fester er in diesem Bewußtsein wurde, je glänzendere Aussichten man ihm bedingungsweise eröffnete, desto unbequemer erschien ihm die Schranke, auf die jene Bedingung sich bezog, die Schranke, die ihm sein religiöses Bekermtniß zog. Es war das zu einer Zeit, wo man noch ein Examen im rechten Glauben bestehen mußte, um zu staatlichen Aemtern zugelassen zu werden. Anfangs zwar war die Macht der Erziehung, vielleicht auch die innere Ueberzeugung groß genug, um den Ln ihm austauchenden Gedanken an einen Religionswechsel zu unterdrücken, — dazu kam die Liebe zum Vater, die ungeschmälert in ihm lebte. Aber mehr und mehr verloren jene Mächte und gewannen die, welche seinen Ehrgeiz spornten. an Einfluß. Der Verletzung der KindeSpflichten glaubte er überhoben zu werden durch des Vaters freie Einwilligung, die er durch Darlegung der Nothwendigkeit seines Entschlusses zu erlangen hoffte. Aber hierin täuschte er sich. Wenn der alte terzfeld für den Sohn sein Vermögen, ja sein eben hingegeben hätte, — von seiner^ religiösen Ueberzeugung opferte er selbst für ihn nicht ein Titelchen. Ueber seiner Liebe zu dem Sohne stand ' himmelhoch sein Glaube. Auf ihn allein konnte er sich noch stützen, wenu er jene aufgeben mußte — mußte nach seinen heiligsten Ueberzeugunaen. Warf der Sohn das höchste Erbtheil der Vater frevelnd von sich, so durfte er ihn nicht mehr anerkennen als seinen Sohn. Als Gabriel anfangs schüchtern und verdeckt,! dann aber offen seine Absichten äußerte, konnte der Alte sich in seinem Schmerze nicht fassen. Durch! sanfte Worte, durch Bitten und Beschwörungen suchte er ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Umsonst. Der Ehrgeiz war mächtiger als Alles in der jungen Feuerseele. Als aber der verhängnißvolle Schritt gethan, als Gabriel zum Christenthume übergetreten war, da zerschnitt Jacob Herzseld sein Gewand und trauerte sieben Tage hindurch in trüber Einsamkeit um ihn wie um einen Verstorbenen: denn Gabriel Herzfeld war für ihn todt. - Desto mehr jedoch lebte dieser für sich und für Andere. Schnell stieg er auf der Aemterleiter empor; seine Persönlichkeit, fern Genie, seine praktische Tüchtigkeit besiegten alle bureaukratischeu Traditionen. In kurzer Zeit war er im Ministerium, unentbehrlich den leitenden Staatsmännern, einflußreich und getragen von der Gunst des Königs. Er wurde in den Adelstand erhoben und sein Name in den eines Gutes umgewandelt, das ihm der König zum Geschenk gemacht; und bald darauf gelangte er auch in den Besitz eines Portefeuilles. Was in dem Herzen des alten Herzfeld vorgina, als er von diesen Triumphen seines Sohnes hörte, Niemand hat es je gesehen. Aber er alterte zusehends, der Gram sah ihm aus den Augen und lag auf seiner gebückten Gestalt. Denn die Liebe läßt sich nicht symbolisch tödten, und Trauergebete büertönen die Stimme des Herzens nicht. Aber es kam auch für Gabriel Herzfeld die Zeit, wo die Liebe wieder die Herrschaft gewann über den maßlosen Ehrgeiz, als der Glanz äußerer Ehre und Gunst nicht mehr stark genug war, um das Bild des alten Vaters zu verdunkeln. Es kam die Zeit, wo die Reue an seinem Herzen nagte. Aber es war zu spät. Nichts freilich hatte er unversucht gelassen, den Vater zu versöhnen, aber er fand seine Thüre verschlossen und sein Ohr abgeneigt. „Ich habe keinen Sohn mehr" - das war das einzige Wort, das er von ihm noch gehört; und es klang ihm in der Seele nach, beständig, schmerzvoll. Er mußte daran denken Tag und Nacht, es raubte ihm Frieden und Frohsinn. Bei allem äußeren Glück war er im Herzen tief unglücklich. Und jetzt, wo ihm die höchste Gunst zu Theil geworden, jetzt trat das Bild des Vaters lebhafter als je vor seine Seele, und es klang weich und schmerzlich, ctts er vor sich hin sprach: „Was wird der alte Mann dazu sagen?"

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