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Der Israelit · 1875-10-27 · Heft 43 (27.10.1875) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 43 (27.10.1875)
Date
1875-10-27
Page
– (sequence 19)
Language
German
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963 handeln wagte. Denn Jacob Herzfeld war für ihn das Ideal eines Mannes, dem sich Niemand gleichstellen durfte an Verstand und Charakter. Und so wie er, dachte noch mancher Andere in der Stadt. Jacob Herzfeld war in der That ein eigenartiger und in seiner Eigenart bedeutender Mann. Eines Tages war er mit ein paar sauererworbenen Thalern in die Stadt eingewandert, um einen kleinen Hausirhandel zu betreiben. Vs dauerte eine ganze Zeit, bis er sagen konnte: hier kann ich mir eine Heimath gründen. Denn es regnete-Lcheerereien herab auf den armen Schacher- Juden, von der Polizei und vom Publikum. Jeder hielt sich für befugt, an dem schäbigen „Dorfgeher" sich zu reiben, ihn zu höhnen und zu verspotten. Geduldig wie ein Held trug Jacob Herzfeld diese Prüfungen. Tag aus, Tag ein wanderte er von Ortschaft zu Ortschaft, sein Bündel auf dem Rücken, handelnd, darbend, mühselig und kummervoll. Nur am Vorabend des Sabbats und der hohen Festtage sah man ihn regelmäßig zurückkehren in seine dürftige Kammer. Da warf er Sorgen und Bündel ab ltnb zog sich den altfränkischen Feiertagsstaat an, die einzige Mitgift seiner Eltern; — und setzt war er nicht mehr der elende Packjude, sondern der hoffende Sohn Israels, welches das Lieblingsvolk Gottes ist. So ging es Jahre lang fort. Der Verdienst war ein spärlicher, dem bescheidenen Umfange des Geschäfts entsprechend, aber auch Sandköner wachsen zu Bergen an. Jacob Herzfeld besaß einen scharfen Verstand und einen beweglichen Sinn. Sein praktischer Rath in allen Angelegenheiten machte ihn bei der Landbevölkerung beliebt, man sah ihn gern kommen, denn man benutzte ihn als Beistand, als Geschäfts- und Familienrath und ließ ihn gern etwas verdienen. Auf diese Weise hatte er sich allmählich eine nennenswerthe Summe zusammengedarbt, so daß er an die Verwirklichung feines kühnsten Planes, an die Errichtung eines stehenden Warengeschäfts denken konnte. In demselben Hause, das wir oben beschrieben, miethete er einen kleinen Laden und legte j darin einen Handel mit Colonial - und Schnitt- Waaren an. Und als der Segen auch diesem Un-! ternehmen nicht fernblieb, als der Kundschaft vom! Lande, die dem wandernden Geschäftsfreunde treu j blieb, sich viele von den Städtern, die seine strenge > Reellität und die Güte seiner Waaren anerkannten, ' zugesellten, da konnte er auch eine Frau in sein Haus führen und sagen, daß er auf festen Füßen! stehe. I Aber Jacob Herzfeld begnügte sich damit nicht.! Ihm schwebte ein großes .^iel vor Augen: ein Vor- ' kämpfer zu werden für das Judenthum, in seiner Person dem Judenthum Achtung und Ansehen zu verschaffen. Und dieses Ziel suchte er durch zweierlei zu erreichen: durch Bildung und in ehrlicher Arbeit erworbenen Rerchthum. Diese beiden Besitzthümer zu erlangen, darauf war sein ganzes Denken und Streben gerichtet. Rastlos, unausgesetzt arbeitete, sparte, sammelte er. bis sein bescheidenes Capital zu ansehnlichem Vermögen wuchs,! und ein Schritt zum Ziele war g?tbani Aber des j Abends, wenn der Laden geschlossen war, dann i saß er zu Hause bei den Seinen und ftudirte in! kaufmännischen Lehrbüchern und allgemeinen Bil-! dungswerken und holte, unterstützt durch seine eminente Fassungsgabe, in kurzer Zeit Alles nach, was er in seiner vollständig vernachlässigten Jugend versäumt hatte. Es erschien kaum glaublich, was er durch eigene Kraft erreichte. Er, der kaum notbwendig schreiben, lesen und rechnen gelernt hatte, führte nach kaum zweijährigem Bestände seines Geschäfts so musterhafte Handlungsbücher und war in allen Zweigen des commerciellen Verkehrs so zu Hause, daß er seine durch die reguläre Schule gegangene Concurrenz beschämte. Dabei hatte er für alle Dinge des öffentlichen Lebens einen sichern und richtigen Blick und wußte sich durch strenge Rechtlichkeit im geschäftlichen, wie durch Nüchternheit und Ehrbarkeit im bürgerlichen Wandel die allgemeinste Achtung zu gewinnen. In seiner Häuslichkeit war er bescheiden und herzlich, aber von wahrer Liebe erfüllt war er doch nur gegen fein einziges Kind, seinen Sohn Gabriel. Dieser bildete sein ganzes Glück. Er selbst betrachtete sich nur als einen-Durchgangspunkt, als die Stufe, über welche fein Sohn hinaufschreiten sollte zu Ansehen und Ehre. und vollends, nachdem die Gattin, eine stille und einfache Frau, gestorben war, sammelte er, was an Zärtlichkeit und Liebe in ihm war, auf seines Sohnes Haupt. Nachdem er erreicht, was ihm als das Höchste vorgeschwebt , nachdem er eine glückliche und geachtete Stellung sich errungen hatte, gab es für ihn nur Eins, um das sich zu leben lohnte: des Sohnes Erziehung und des Sohnes Glück. Alles, was an Hilfsmitteln des Unterrichts erforderlich oder ersprießlich war, kundschaftete er aus und verschaffte es ihm; er selbst saß oft stundenlang mit rhm über der Arbeit, lehrend und lernend; denn Gabriel war ein Kind, das durch eine eigenthümliche Schärfe des Nachdenkens und eine starke Phantasie überraschte, fast erschreckte. Die Lehrer nannten ihn ein Wunderkind. Er war aber keines von denen, deren spätere Entwickelung ihre Ansätze Lügen strafen, sondern in natürlicher Entfaltung seiner An»

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