Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1875)
- Date
- 1875-10-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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962 Feuilleton. Hlysklii Vatrr and Sohn. Eine Erzählung von vr. Julius Weil. Der Minister saß in seinem Privatzimmer und schrieb. Sein bleiches Gesicht trug die Spuren angestrengter, geistiger Arbeit, und die Furchen auf der hohen Stirn und der herbe Zug um den Mund erzählten von Sorgen vielerlei Art. Es war ganz kirchenstill in dem hohen Gemach. Da tritt der Secretär des Ministers zur Thür hinein und, indem er sich dem letzteren einige Schritte näherte, sagte er mit gedämpfter Stimme: „Excellenz, verzeihen! Soeben ist ein Schreiben von Seiner Majestät und eine Privatdepesche an Eure Excellenz cingegangen." Der Minister erhob sich, nabm die beiden Schriftstücke dem Ueberbringer aus der Hand und neigte leise den Kopf, zum Zeichen, daß er allein zu sein wünsche. Als der Secretär sich entfernt hatte, nahm er wieder seinen Platz vor dem Schreibtisch ein und öffnete langsam das königliche Schreibe. Dieses lautete: „Mein lieber Finanzminister! In lnerlennung Ihrer hohen, Meinem Hause und dem Staate geleisteten Dienste und zum Zeichen Meines persönlichen Wohlwollens, erhebe ich Sie hierdurch laut anliegendem Diplom in den erblichen Freiherrnstand und verleihe Ihnen zugleich den Stern zu Meinem Hausorden. Ihr wohlgeneigter König." Ein Ausdruck befriedigten Stolzes glitt über das Gesicht des Ministers; sein Auge blitzte hell auf und überflog die von des Königs eigener Hand herrührenden Schriftzüge. „Auch diese Genugthuung!" murmelte er vor sich hin, indem er das Papier auf den Schreibtisch legte. ,DaS ist viel, sehr viel!" Hastig stand er auf und durchschritt das Zimmer, aufrecht, den schönen, großen Kopf mit dem scharfgeschnittenen Gesicht hoch erhoben, die Hände auf den Rücken gefaltet. Aber plötzlich, am Fenster, das in den großen Garten sah, blieb er stehen und senkte den Kopf. „WaS wird der alte Mann dazu sagen?" sprach er leise. Dabei verlor sich der strenge Zug um den Mund, und ein Schatten legte sich auf den hellen Blick des Auges. „Was wird der alte Mann dazu sagen V wiederholte er. Seine Stimme klang schmerzlich und weich. Wie träumend blickte er auf und sah hinaus in das herbstliche Grün des Garten- .... Seine Gedanken zogen fort aus diesen hohen Sälen, viele, viele Meilen weit, bis sie an einem kleinen Häuschen Halt machten, das in einer kleinen Gasse einer stillen Provinzialstadt lag. Es war ein sauberes Häuschen, nur einen Stock hoch; im Erdgeschoß befand sich ein Geschäftsladen mit Schaufenster, in dem allerlei Stoffe, Teppiche und Gardinen drapirt lagen und hingen. Auf der einen, nach außen sich öffnenden Ladenthür lehnte ein in Oel gemalter Mohr mit unproportionirt dicken Beinen an einer Rolle Rauchtabak. Ueber dem Laden stand mit großen, schwarzen Buchstaben: „Jacob Herzield, ColonialundSchnitt- Waaren"' Wenn man in den Laden trat, so mußte man Acht geben, daß man nicht über die vielen Kasten und Tonnen mit Kaffee, Zucker und Häringen stolperte, die dicht am Eingänge bis an den Ladentisch hin aufgepflanzt waren, hinter welchem in Repositorien, die bis zur Decke hinaufreichten, Tuche, baumwollene und leinene Maaren, Tücher und Decken, kurz alle Arten von Schnittwaaren lagen. In diesem Hause war der Minister geboren, zwischen diesen Kisten und Tonnen hatte er der Jugendtage Leid und Lust verlebt; damals, als sein Vaier, Jacob Herzfeld, noch selbst hinter dem Ladentisch stand, und der alte Hielscher, ein Btäd Familieninventar, das, so lange das Geschäft bestand, dazu gehörte, und ohne den sich Niemand in der Stadt die Herzfeld'sche Handlung verstellen konnte, noch die Kunden bedienen half. Der alte Hielscher war der persönliche Gönner und Beschützer des kleinen Gabriel. Er war es, der ihm heimlich so manche Näscherei aus den Truhen der Firma zusteckte, der ihm wunderbare Geschichten von der Heimath der Korinthen und Datteln, von Reisfeldern und Kaffeepflanzungen erzählte, unverbürgte, farbenreiche Geschichten, die die lebhafte Phantasie des kleinen Gabriel Tag und Nacht beschäftigten, er war es, der ihn gar oft gegen den strengen Vater in Schutz nahm, wenn dieser ihn wegen irgend eines losen Streiches aus dem Bereiche dieser Herrlichkeiten zu verbannen drohte. DaS war aber auch die einzige Gelegenheit, wo der alte Hielscher seinem Chef Jacob Herzfeld zu widersprechen und dessen Anordnungen entgegen zu