Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1875)
- Date
- 1875-10-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang. Zwrite Geilage zu Ar. 43 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, 24. Oct. In Szegedin starb am 13. d. M. der dortige Oberrabbiner Herr Löw im 65. Lebensjahre. Den ältern Lesern dieses Blattes wird es noch erinnerlich sein, wie manchen harten Kampf wir gegen den Genannten, der einst an der Spitze der jüdischen Reformpartei in Ungarn stand, gekämpft haben. Herr Löw war im Jahre 1811 in einem kleinen Orte in Mähren geboren, wurde im Jahre 1831 Lehrer in Prosnitz, heirathete 1840 die Tochter des damaligen Pesther Oberrabbinen Schwab n"i? und wurde gleich darauf Oherrabbiner in Gr. - Kanisa, von wo er im Jahre 1846 in gleicher Eigenschaft nach Papa berufen wurde. Hier entwickelte er seine reformatorische Richtung, Was zu den heftigsten und erbittertsten Kämpfen innerhalb der Gemeinde führte. Im Jahre 1848 wurde Löw Prediger in der ungarischen Revolutions-Armee. Nach Beendigung der Revolution wurde er sowohl wie sein Schwiegervater auf kurze Zeit verhaftet. Im Jahre 1850 erhielt er die Stelle in Szegedin, die er bis an sein Lebensende bekleidete. Dort gab er eine Reihe von Jahren eine Zeitschrift, „Ben Chananjah," heraus, die ihn an die Spitze der jüdischen Neologie in Ungarn brachte und seinen Namen auch über die Grenzen seines Vaterlandes hinaustrug. Es war im Jahre 1^71, bald nach dem Augsburger Synödlein, als ein Mann zu mir in's Zimmer trat und mich bat, ihm zu gestatten, seinen Namen zu verschweigen; ich betrachtete mir den Mann genau; er war gekleidet wie ein Magyar; aber ein großer, grauer Bart umrahmte ein schönes, intelligentes Gesicht von echt jüdischem Typus. So hatte man mir Löw vielemal geschildert, und ich sagte sofort: „Sie sind Herr Oberrabbiner Löw aus Szegedin!" Und so war es. Interessant waren mir seine Berichte über die Augsburger Synode: „Glauben Sie mir, Herr Doctor," sagte er, „wäre ich noch länger mit jenen Männlein beisammen gewesen, ich wäre aus Verachtung und Ekel über ihr fades, kleinliches Geschwätz — zu den Orthodoxen übergegangen." — In der That hielt sich Herr Löw von jener Zeit an von allen Reformbestrebungen fern; dem Congreß und dem ungarischen Rabbiner-Seminar gegenüber nahm er sogar eine oppositionelle Stellung ein, und als er vor einigen Monaten einen Sabbat in Pesth zubrachte, besuchte er nicht den Reform-Tempel, sondern eine der orthodoxen Synagogen. Löw isolirte sich dadurch vollständig von seinen ehemaligen Freunden, ohne jedoch den Orthodoxen sich ernstlich zu nähern. So ereilte ihn der Tod. Die Betheiligung bei seinem Leichenbegängnisse war eine ganz außerordentliche. Aus dem Kreise Grotz-Gerart. In einer der jüngsten Nummern des „Israelit" stand eine Annonce, welche die Schlachtverhältnisse in Königstädten bei A. M Goldschmidt, sowie das Anfertigen von Schweinewurst durch letzteren berührte. Die Darstellung ist vollkommen wahr und wird von dem Genannten mit der naiven Einrede zu beschwichtigen gesucht: „Wenn nur Etwas hierbei verdient wird". Aehnliche Fälle im hiesigen Bezirke ließen sich noch mehrere anführen; auch über die Schochtim läßt sich sehr viel sagen. Letzere betrachten das Schächten als ein „Gewerk" und haben schon manche in sechs Jahren keine,-iinp genommen. Die Vorstände suchen sich durch Geschäfts-Interessen zu entschuldigen, denn sonst würden sie durch Anträge an das Rabbinat um Abhilfe dieser Mißstände ansuchen. Das Gelungenste, wenn es nicht gar zu beschämend und dem Ernst der Stunde und Zeit gerade Hohn bietend wäre, ereignete sich in dem Orte Dornbeim. in dem in Rede stehenden Kreise. Wie immer sollte auch dieses Jahr ein Gemeindemitglied das Kol-Nidre vorbeten. Handelszerwürfnisse mit einzelnen Gemeindemitgliedern veranlaßten es aber, — nud dazu erst im bezeichneten heil. Momente — durch Kopfschütteln das Vorbeten abzulehnen, worauf ein anderes Gemeindemitglied unter der Bedingung, daß ihm zehn Gulden bezahlt würden, sich zum Vorbeten erbot, was natürlich acceptirt wurde. Das sind wirklich drastische Vorkommnisse! An einem Abende, an welchem ein Glaubensgenosse dem andern Verzeihung gewähren soll, lehnt der Eine das Vorbeten — Handels-Interessen wegen — ab, und der Andere benutzt die Gelegenheit, gegen gute Bezahlung Alles thun zu wollen.