Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1875)
- Date
- 1875-10-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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9 955 sie mit der „Kreuzzeitung" verbindet, reicht zur Beantwortung dies« Frage ebenso wenig aus als die Uebereinstimmung der beiden edlen Organe in Allem, was für reichs feindlich gelten kann. Volkswirthschaftliche Ueberzeugungen hat die ultramontane Partei als solche gar nicht, und damit gibt sich auch die „Germania" in diesem Falle nicht ab, sondern blos mit den ganz gewöhnlichen Schimpfereien auf die Juden, wobei nur aus besonderer Rücksicht auf das neunzehnte Jahrhundert die Erdrosselung von Christenkindern zur Herstellung von Mazzes nickt angeführt wird. Im Uebrigen könnten einige Absätze dieser Artikel für Fortsetzungen der alten Schmähfolianten von Schutt oder Eisenmenger gelten. Man sollte meinen, eine Partei, die sich den heuchlerischen Anschein gibt, im Namen einer unterdrückten Glaubensgenossenschaft und im Sinne allgemeiner Glaubensfreiheit zu reden, sollte so viel Takt und Klugheit besitzen, konfessionelle Hetzereien zu vermeiden, so lange sie selbst Hör diocletianischen Verfolgungen zu zittern vorgibt. Sicherlich würde sich Herr Windthorft, wenn im Reichstage oder im Abgeordnetenhause eine Frage der konfessionellen Gleichstellung ventilirt würde, auf die Seite der Freiheit neigen und seine mit den bekannten Gemeinplätzen gegen die Halbheiten des Liberalismus gewürzte Rede dafür halten. Wo es ein praktisches Interesse erheischte, konnten ja auch die Jesuiten recht tolerant sein, z. B. im Verkehr mit den ostasiatischen Völkerschaften. Und sicherlich würden auch die Heißsporne des Ordens lieber Protestanten verbrennen, als Juden oder Mvhamedaner. Wenn sich trotzdem das Organ der vaticanischen Jnfallibilität den leckern Judenbrocken nicht entgehen ließ, so kann das keinen andern Grund haben, als daß es mit seiner Anhängerschaft und seiner Propaganda auf die blinden Leidenschaften und die blöden Vorurtheile der rohen Masse angewiesen ist. In dem großen Culturkampfe, der uns Alle wohl überleben wird, beruhen die Aussichten und Hoffnungen der ultramontanen Partei auf dem Nachweise, wie viele Millionen Seelen sich der Cultur und Aufklärung unzugänglich erweisen, wie viele Millionen Seelen ihr blind gehorchen, ihre Wahnvorstellungen und Urtheile direct von ihr beziehen. In dem seit Jahren entbrannten Kampfe hat sie an die Verblendung und Verwilderung der Massen appellirt, sie triumphi' t bloß durch den Beweis, daß Louise Lateau, Lourdes, Parayle.Monial und vieles andere Derartige in unserem Jahrhundert nicht bloß möglich ist, sondern sogar noch Massen zu electrisiren vermag. In dieselbe Categorie gehört der Judenhaß: man führt den Pöbel nur, indem man zu ihm hinabsteigt. Zeitungsnachrichten uttd Correspondettjett. Deutschland. Stuttgart. Es dürfte Sie, sowie die Leser Ihres gesch Blattes interessiren, einiges übereine Predigt zu erfahren, die Herr Kirchenrath vr. Wassermann am ersten Tage no D gehalten, und die bei Allen, die ich darüber gehört, peinliches Aufsehen und Entrüstung hervorgerufen. Nach einer geeigneten geistreichen Einleitung fährt der geehrte Redner fort: „Von Allen, die hier versammelt sind , hat wohl nicht Einer eine n:rc>."*) Um jedoch die etwaigen Gewissensbisse seiner Zuhörer über diese totale Sukkohlosigkeit zu beschwichtigen, führt der hochwürdige Herr mit großer Gelehrsamkeit aus, daß in unserer Zeit das Daran-Denken an den Grund, Zweck und Bedeutung der ro-D und des uniO-Festes vollkommen genüge, und bringt noch ferner als unumstößlichen Beweis der Entbehrlichkeit einer roiD den frommen König David, der seine herrlichen Psalmen in seinem Palaste gesungen; auch zur Zeit deS babylonischen Exils sei die ganze Sukkoh-Feier Jahrhunderte lang in Vergessenheit gerathen und erst von Esra wieder eingeführt worden. Noch schlimmer als die „denkbare" n:»D ist der arme Feststrauß (o'j'o njo-w) weggekommen; hierüber läßt sich der Herr Rabbiner etwa folgendermaßen aus: „Es gibt noch Manche, die sich mit großen Kosten einen solchen Feststrauß verschaffen, in der Meinung, hiedurch ein löbliches Werk zu vollbringen," aber diese Verblendeten wissen nicht, haben vielleicht keine Ahnung davon, daß sie nach der Behauptung des Herrn vr. Wassermann, Rabbiner und Oberkirchenrath zu Stuttgart, durch solches Gebühren, d. h. durch das Nehmen und Tragen eines solchen Feststraußes, eher dazu beitragen, das Judenthum und die jüd. Religion zur Carricatur herabzuwürdigen, ja in den Koth zu ziehen, lächerlich und gemein zu machen! Wie dieser würdige Vorkämpfer der jüd. Religion es mit seinen ausgesprochenen Ansichten vereinbart. Selbst mit einem solchen Feststrauß in den Händen in der Synagoge zu erscheinen, darüber ist uns der hochwürdige Herr die Erklärung schuldig geblieben; aber es beweist dies jedenfalls, *) Diese Behauptung ist nicht einmal richtig.