Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1875)
- Date
- 1875-10-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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954 JunkerthumS, wie die ganze Agrarpartei, ist in Bezug auf Eingangszölle durchweg freihändlerisch gesinnt; aber die Sorge für die Abschaffung der Eisenzölle glaubt sie der geschmähten „neudeutschen Wirtschaftspolitik" der Delbrück-Camphausen' ruhig überlassen zu dürfen. So citiren die Herren auf ihren landwirthschaftlichen Congressen mit Vorliebe eine gelegentliche Aeußerung Lasker's über die schwere Belastung des Grundbesitzes, während sie denselben Mann in ihren Blättern als ihren persönlichen Feind behandeln. Sie hassen die wirthschaftlichen Freiheiten, weil sie glauben, daß die freie Bewegung des Capitals dasselbe in andere Bahnen als die im Interesse des Grundbesitzes gewünschten leitet, und auch, weil der freie Arbeitsvertrag und die Freizügigkeit ihnen einen höheren Arbeitslohn abnöthigen. Sie haben es früher nicht verschmäht, mit socialistischen Andeutungen den socialen Frieden zu untergraben — das war ja die wesentlichste politische Bedeutung des berühmten Geheimrath Wagener, des Schutzpatrons der „Kreuzzeitung", — und die industriellen Arbeiter auf ihre Arbeitgeber zu Hetzen, als ob die ländlichen Arbeiter auch nur annähernd so gut bezahlt worden wären wie durchschnittlich die Fabrik- Arbeiter. Das wrr Alles nur Jnteressenpolitik, und die „Kreuzzcitung" hat überhaupt niemals etwas Anderes gekannt als die Standesiuteressen. Selbst ihre prononcirte kirchliche Richtung ist nicht ohne einen inneren Zusammenhang mit Standesinteressen. Daß auch ihre Häuptlinge keine Säulenheiligen sind und in dieser sündigen Welt mit Eisenbahnconcessionen und gar verwickelten Finanzirungen wohl umzuspringen wissen, sei hier nur beiläufig erwähnt. Solche Mensche kennen keine Principien, nur Interessen, und sie setzen naturgemäß bei den Gegnern dasselbe voraus. Hinter der unaufhaltsamen Bewegung der Ideen glauben sie einzelne Personen zu erblicken, welche die bewegenden Drähte ziehen, um — ein Puppenspiel herznstellen. So matt sich in diesen Köpfen die Welt. Eine uneigennützige Begeisterung für politische und wirthjchaftliche Freiheit ist ihnen unbegreiflich. Es lag ihnen daher sehr nahe, jetzt wo sie den verunglückten Actionär einfangen und für ihr System wirthschaftlicher Unfreiheit Propaganda machen wollen, die leitenden Staatsmänner und die maßgebende Partei als mit Geldmännern verbündet darzusteüen und das Ganze mit fanatischem Hep-Hep-Geschrei zu begleiten. Diese Art von Geistesverwirrung ist der Psychiatrie wohl bekannt: in den fünfziger Jahren gab es Jndiniduen, welche Alles, was geschah, auf Lord Palmerston zurückführten und überall eine Jntrigue desselben witterten; der französische Journalismus wacht eS jetzt mit dem Fürsten Bismarck so und der nothleidende Rittergutsbesitzer in unseren östlichen Provinzen, der bei schwerem Rothwein über die Roth der Zeiten seufzt, steht überall die verheerenden Wirkungen des „jüdischen Capitals". Natürlich sind die persönlichen Verdächtigungen der „Kreuzzeitung" mit schlauer Vorsicht so auf Schrauben gestellt, daß alles Einzelne auch wieder abgeleugnet werden kann. Daneben sind die sachlichen Ausführungen von einer so hohlen Phraseologie, daß man schwer erkennt, was die Herren eigentlich wollen und erstreben. Wer das erfahren will, muß die Protokolle der landwirthschaftlichen Congresse Nachlesen. In vielen der betreffenden Elucubrationen voll hoher sittlicher Entrüstung über Actien- und Eisenbahnschwindel merkt man ab und zu die Nebenabsicht, die Opfer der Lasker'schen Eisenbahnreden weiß zu waschen oder doch iudirect in eine bessere Position zu bringen. Dafür ist auch ein eigenes Blättchen gegründet, deffen Haltung, Anstalt und Wahrheitsliebe dem edlen Zwecke ganz und gar entspricht. Der gläubige Leser soll hier überzeugt werden, daß die hochgeborenen Gründer den Verfolgungen der neidischen Bourgeoisie erlagen, welche eine so uneigennützige Honcurrenz nicht ertragen konnte. Daß die Hochgeborenen vielfach den Gründern aus der Bourgeoisie zum „Vorspann" dienten oder sonst mit denselben in Wechselverkehr standen, wird ignorirt. — „Warum aber hat Lasker nicht auch die bürgerlichen Gründer Mann für Mann angegriffen?" Wenn mit dieser perfiden Frage schon Mancher irregeleitet wurde, so liegt doch die richtige Antwort ganz nahe, daß nämlich Lasker sich nur mit der öffentich-rechtlichen Seite der Materie befassen wollte, alle Denunciationen möglichst vermied und nur diejenigen Personalien aufgriff, denen er ihres öffentlichen Charakters wegen nicht ausweichen konnte, daß er übrigens die ganze Materie der Staatsanwaltschaft empfahl, vor welche allein sie gehört uno in deren eigenste Competenz sie fällt. Wie es bei diesem Sachverhalt der „Kreuz- Zeitung" gelang, den Abgeordneten Lasker für die Nebel verantwortlich zu machen, welche er bekämpft, dieses Seiltänzerkunststück möge Jeder mit eigenen Augen ansehen. Wir geben das nur beispielsweise und werden uns hüten, in ausführlicher Weise diese Olla potrida widersprechender Ansichten aufzutischen. Wie aber — und das ist die zweite Frage — kam die „Germania" dazu, in ihren Artikeln „Zur Judenfrage" mit der „Kreuzzeitung" in dasselbe Horn zu blasen? — Der sympathische Nerv, der