Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1875)
- Date
- 1875-10-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447603-2447635--11893-2467696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XVI. Jahrgang. Erste Beilage )tt Nr. 43 des Israelit. Leitender Artikel. „Aeber das Niederträchtige*) Niemand sich beklage. Denn es ist das Mächtige, Was man auch sage." Goethe. Wie man aus dem Mittelalter berichtet, daß plötzlich ganze Bevölkerungsschichten von irgend einer fanatischen oder moralischen Drehkrankheit — Flagellantenthum oder Aehnlichem — befallen wurden , so taucht in der deutschen Tagespresse von Zeit zu Zeit die Hep-hep-Krankheit oder die Judenhetze auf. Es sind Rückfälle in eine Kinderkrankheit, die zum Glück immer seltener werden. Zum Glück sage ich, nämlich zum Glück für die Zeitungen, nicht für die Juden, welche letzteren stark genug sind, sich zu wehren oder den ganzen Lärm zu verachten. Wenn ein Hund wasserscheu wird, ist der Hund krank, nicht das Wasser. Und Muhamed sagt: „Es ist gut, daß dem Esel keine Hörner wachsen". Von der bequemen Gewohnheit, an dem absolut Pöbelhaften mit abgewendetem Angesicht schweigend vorüberzugehen, muß man absehen, wo es sich darum handelt, den politischen Zusammenhang einer solchen Erscheinung zu ermitteln. Wir stellen einfach die Frage: Warum sind gerade in den letzten drei Monaten die berüchtigten Judenhetzartikel in der „Kreuzzeitung" und der „Germania" erschienen? Ohne völkerpsychologische Excurse wollen wir die Antwort möglichst nahe suchen. Die Frage der bürgerlichen Gleichstellung der Juden, die Emancipationsfrage, ist bekanntlich längst gelöst, und weder Herr von Nathusius - Ludom, noch Paul Majunke's Nachfolger werden sich der Hoffnung hingeben, durch ihren Einstuß die betreffenden Grundgesetze rückgängig zu machen. Die bekannten Diskussionen über den Charakter und die vermeintliche Gefährlichkeit der Juden haben wir vor dreißig, andere vor vierzig und fünfzig Jahren geführt, und wir werden mit keiner Silbe darauf zurückkommen. Nicht sowohl, daß die Juden gleichgestellt sind, bedauert die „Kreuzzeitung" sondern daß sie herrschen, denuneirt sie ihren zu erschreckenden Anhängern. Sie stützt diese Denunciation auf eine Reihe abenteuerlich erfundener Thatsachen, über welche „Kladderadatsch" und „Wespen" schon in letzter Instanz zu Gericht gesessen haben. Rur die „Volkszeitung" hat, soviel ich weiß, ernsthaft mit ihr gerechtet und dadurch bescheidenerweise mit ihr eine Art Ebenbürtigkeit an volkswirthschaftlicher Bildung verrathen. Entschieden waren die beiden Serien der betreffenden Artikel in der . Neuen Preußischen Zeitung" (1. „Die Aera Bleichröder-Delbrück- Camphausen und die neudeutsche Wirthschaftspolitik", und 2. „Lasker, Bamberger, Oppenheim"), welche zum Beginn des neuen Quartals und im Laufe des ersten Monats desselben erschienen sind, nicht gerade einem acuten Ausbruch naiven Judenhasses entsprungen, sondern augenscheinlich darauf berechnet, Sensation zu machen und die Aufmerksamkeit auf das wenig mehr beachtete Organ einer untergehenden Partei zu richten. Wer am Hellen Mittag auf offener Straße eine Pistole abfeuert, ist sicher, die Leute an's Fenster zu locken. Die Zeit des noch andauernden Krachs und die allgemein verbreitete Stimmung wirthschaftlicher Enttäuschung schienen geeignet, recht einfältige Leute — und solche bilden doch manchmal respektable Minoritäten — zu der Ansicht zu bekehren., daß die ganze auf Freiheit beruhende Organisation unseres wirtschaftlichen Lebens vom Uebel sei. Wer aus Leichtsinn oder Habgier sein Geld in faule Actien gesteckt hat, verflucht nicht seine eigene Dummheit, seinen Leichtsinn und seine Gewinnsucht, sondern das Actiengesetz, welches die Gründung schlechter Actienunternehmungen ermöglicht hat. Im Allgemeinen schwärmen die Leute nur für die ihnen mangelnden Freiheiten, können aber die ihnen gewährten Freiheiten, deren Gefahren sie erst hinterher, entdecken, wenigstens im Anfang nicht recht vertragen. Sie schimpfen erst auf den Polizeistaat und verklagen dann den Rechtsstaat, daß er sie nicht bevormundet. So kommt es auch, daß gegenwärtig die Besitzer von Jndustriepapieren sich dem Geschrei nach Schutzzöllen anschließen, als ob das in der Vergangenheit vergeudete Capital durch eine zukünftige Einschränkung der Handelsfreiheit wieder herbeigeholt werden konnte. Die Interessen dieser Leute sind nicht identisch mit denen der „Kreuzzeitung", denn die Partei des ') Aus Paul Lmdau's „Gegenwart".