Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1875)
- Date
- 1875-10-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang. Erste LeUage ju ttc. 41 & 42 des Zsractit. Leitender Artikel. Neisebriefe. VII. Luzern, 6. September. „Sind nicht der Abanah und der Parpar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Wasser in Israel?" llso fragte erzürnt der aussätzige Feldherr Naaman von Aram, da der Prophet Elischah ihm befohlen, im Jarden zu baden, damit er geheilt werde von seinem Aussatze; bald aber erkannte er seinen Jrrthum, that, wie der Prophet geheißen, genas und pries den Gott Israels. Der Parpar, ein starker Bach, welcher heute Fidscheh heißt, entspringt auf einem hohen Felsen und stürzt sich kopfüber den Berg hinab. Sein Wasser ist sehr rein und durchsichtig und soll sehr gesund sein. An den Parpar wurde ich erinnert, als ich von Jnterlaken über den Brienzer See fahrend, den Gießbach erblickte. Auch der Gießbach entspringt hoch oben auf einem den Brienzer See um mehr als 1000 Fuß überragenden Felsen und stürzt sich kopfüber in den See. Es ist ein wunderbar, prachtvoller Anblick, den Bach seiner ganzen Länge nach an dem Felsen Herunterstürzen zu sehen. Hoch oben ist ein Felsen-Vorsprung und unter diesem ist eine Brücke angebracht, so daß der Gießbach, wenn wir auf der Brücke stehen, sich über unsere Häupter hiweg ergießt. Am Abhänge des Berges ist ein großes Plateau, auf welchem das Hotel Gießbach — es sind eigentlich deren zwei» das alte und das neue Haus — erbaut ist. Beide Häuser waren mit Gästen überfüllt, denn ein Jeder will über Nacht dort sein, um Abends die bengalische Beleuchtung des Gießbaches zu sehen. Auf der Terrasse vor dem neuen Hause sind eine Menge langer Bänke angebracht, besetzt von mindestens 500 Menschen, die in gespannter Erwartung des Kommenden harren. Man sieht nichts und hört nur das Rauschen des Gießbacheö. Endlich steigt eine Rakete empor und wie mit einem Zauberschlage entfaltet sich vor uns ein entzückendes Bild. Der Gießbach in seiner ganzen Ausdehnung strahlt in begalischen Flammen gleich Milliarden aneinander gereihten Diamanten, hoch I oben vom Gipfel des Berges bis tief unten an den Brienzer See! Doch sollte man sich daran! genügen lassen. Daß die Flammen dann roth, grün und blau werden, das gibt dem Ganzen einen theatralischen Anschein und erinnert zu sehr an die vor einigen Jahren so beliebte Kalospintekromokrene. In der That klatschte das Publicum nach dem Schlüsse der Vorstellung — ich wollte sagen: Beleuchtung, lebhaft Beifall. Am andern Morgen fuhren wir nach Brienz, um von dort aus über den Gipfel des Vrünig die schöne Stadt Luzern am Vierwalstädter See zu erreichen. Eine stattliche Reihe von Wagen verfolgte denselben Weg, der unter überhängcnden Bergkuppen mit der Aussicht auf ein von der Aare durchströmteö Thal hinwegführt, an zahlreichen Wasserfällen und Gießbächen vorüber. Hat man den Gipfel des Brünig passirt, so gelangt man aus dem Canton Bern in den von Unterwalden, und am Sarner See befindet man sich bereits auf dem Schauplatze der aus Schillers Wilhelm Tell bekannten Erlebnisse des Arnold Melchthal. Bald erreicht man den Vierwaldstädter See, der mit seinen wundervollen Ufern die eigentliche Scenerie des genannten Dramas bildet. Uebrigens ist Wilhelm Tell keine historische Persönlichkeit; er sowohl vne der berühmte Apfelschuß gehören in das Gebiet der aus der nordischen Mythologie hervorgegangenen Sagen. Wunderbar ist, wie Schiller, ohne jemals in der Schweiz gewesen zu sein, den See und die ihn umgebenden Berge so treffend zu schildern vermochte. Luzern, das wir heute Nachmittag erreichten, zeichnet sich durch seine wundervolle Lage aus. Seit einigen Jahren wohnen auch Juden hier, darunter einige strengreligiöse wie Herr Isidor Erlanger und dessen Bruder. Zu den besuchenSwerthen Merkwürdigkeiten Luzernsgehört der in Stein gehauene von Thorwal dsen modellirte Löwe, der zum Andenken an die Schweizergarde des Königs Ludwigs XVI., welche im September 1792 den Märtyrer-Tod starb, errichtet wurde. Auf dem Weg dorthin fragten wir einen Vorübergehenden: „Wohin geht man wohl, um nach dem Löwen von Luzern zu kommen?" — »Le lion de Lucerne?“ fragte er dagegen, denn in der Schweiz erhält man in der Regel auf eine deutsche Frage eine französische Antwort; hätte ich französisch gefragt, der Mann hätte sicherlich deutsch geantwortet. Auf mein »Oui, Nousöeur!« sprach