Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1875)
- Date
- 1875-10-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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s " ' ' 899 allerschlechteste Mensch, Du bist ein brav' Kind . . Du bist nebbich noch klein . . . aber klüger hättest Du sein sollen! , . . Ich Hab' das nicht gut verstanden .... das hat mir lange Kopfzerbrechens gemacht . . brav und klug sein," Budweiser wurde plötzlich sehr ernst, „glaubtmir's ... das kommt mir manchmal noch jetzt zu schwer vor! Lacht mich aus, Kinder! — aber wahrhaftig, noch heute thut's mir weh, daß mich Reb Leb Wodolka e Mosser geheißen." „Am andern Tag ging mein Tat mit mir in's Cheder, redete lang' allein mit dem Rebbe in der andern Stub', und wie die beiden wieder hereinkommen, sagt Reb Beer Klopper: Jakow, Du thorst'^) nicht brogeZ b) sein auf Mosche ... er kann ka Scheker sagen . . . geb' ihm die Hand und macht Scholom^)!" Mosche Budweiser machte eine Pause. „Kinder," sagte er dann, „ich muß jetzt zu der Haßife zu Reb Anschl Modl's Almone5), wo unsere Chewre zusammenkommt." „Ah, Vaterleben, Du hast ja noch Zeit!" rief Ester, die dicke silberne Taschenuhr aus des Vaters Weste ziehend, „schau, es fehlen noch zehn Minuten zu drei .... Du weißt ja, wie's geht, wenn es heißt um drei .... kommt man um halb vier» red't leere Diburim") bis vier; dann erst fangt man an, erzähl' nur weiter . . . wirklich, Winter-, nächtelang könnte ich Dir zuhören . . . also war't Ihr wieder lange Zeit gute Freunde . . . Du und unser Schochen, der Untam, wie Du ihn immer heißt," fügte Ester lachend hinzu. „Ah . . . ka Gedanken — fünf Tag' darauf hat mir — der Untam," entschlüpfte es wieder Budweiser's Lippen, „wieder e Verdruß gemacht . . . . aber hat eg^) wirklich e Raches* 7 8 *) von die Marischkaten?" „Gewiß, gewiß," versicherte Ester ernsthaft, dem Vater die Wange streichelnd, „Du siehst's ja; dort liegt mein Buch . . . sehr schön — aber Deine Maißes sind mir noch zehntausendmal lieber." Budweiser fuhr, von Hem Lobe sichtbarlich geschmeichelt, fort: „Roschchodesch °) brachte mir Reb Beer Klopper den versprochenen großen Lebkuchenreiter, — hatt' ihm baare zwei Kreuzer^) gekost' .... lacht nit, das war damals .... als wenn Ihr heute sagen wollt . . . zwei Peru")! ... Das könnt Ihr mir glauben, was ich vorgestern Mittag gegessen Hab', weiß ich nicht mehr — aber wie der Reiter vor zweiundfünfzig Jahren ausgesehen hat ... . das weiß ich noch jetzt, als wenn er vor mir liegen möcht', die Augen waren zwei Weinbeer'l, die Nase eine große Rosine, die Zähne Mandeln, das ganze Cheder hat gewaltig Kinne12) auf mich gehabt;! ganz besonders aber Jakow, der „Untam/' entschlüpfte; es wie immer gewohnheitsgemäß Budweiser's Lip- > Pen. „Ich stell' den Reiter vor mir auf . . . nur! ein ganz kleines Stückel vom Pferdeohr Hab' ich! heruntergezupft, bloß um zu kosten, man hat's gar! nicht bemerkt — und denk mir. oas bring' ich nach! Haus und schenk's der Mutter. Der Mutter e j Kibud") machen, ah! das ist mir so prächtig vorgekommen ... es stand ja deutlich im Chummisch:! Kabed es owicho wees imecho ") und - ich Hab' * noch mein ganzes Leben nit Gelegenheit gehabt, meiner Mutter etwas zu schenken .... ich Hab' mich darauf gefreut, wie sich nur ein so kleines Kind darauf freuen kann . . . aber kommt der Jakow — der Untam, und macht mir in meiner Simche15) eine Keloje 1C) hinein." „Wie so?" fragen Frau und Tochter zugleich. „Wie ich aus dem Cheder geh', kommt mir Jakow nachgelaufen: Gib mir Deinen Reiter, sagt er . . . Warum soll ich Dir meinen Reiter geben? frag' ich ganz entrüstet, hast Du mir Dein Leb-! tag etwas geschenkt? — Dieser war verblüfft, dann aber sagt er.... ich brauch nichts geschenkt von Dir . . . Mein Vater ist ein Kozin "... ich geb' Dir etwas viel Schöneres davorn) — was mir unser Buchhalter aus Leipzig mitgebracht hat; ... er kramt in seiner Tasche und zieht ein Federmesser heraus, daß nur so glänzte und glitzerte, fünf prächtige Klingen .... nun müßt Ihr wissen — ein Federmesser, das war etwas, wonach ich fortwährend getrachtet Hab', aber ender'8) hätt' ich geglaubt, die Sonne vom Himmel herunterzube» kommen, als ein solches Federmesser . . . und jetzt . . . legt mir Jakow, der Untam," fuhr's wieder unbewußt aus Budweiser's Munde .... das betamte Ding in die Hand hinein — und will, dir nichts mir nichts, nach dem Reiter greifen. Rup muß ich Euch aber auch erklären, warum ich mir eigentlich ein Federmesser gewünscht Hab' . . Mein Tat olof hascholom — für den ich gerne mein Leben gegeben hält', — war, ich hab's schon gesagt, ein schwer armer Mann gewesen, er hatt', um seine Familie ehrlich zu ernähren, alles Erdenkliche versucht, zuletzt einem Sofer") Mesuses^) schreiben 2) darfst. 3) böse. 4) Frieden. 5) Wittwe. 6) Reden. 7) habt Ihr. 8) Vergnügen. 9) Neumondtag, ein Halbfeiertag. 10) ohngefähr drei Neukreuzer, circa 6 Pfennige. 11) Groschen, ohngefähr 10 Neukreuzer oder 1/5 Mark. 12) Neid. 13) Ehrengeschenk. 14) Ehre Vater und Mut-! tcr. 15) Freude. 16) Zerstörung. 17) dafür- 18) eher. 19) Thoj rarollenschrciber. 20) Mir Bibelsprüchen beschriebene Pergament-! rollen, die an der Thürpfoste befestigt werden.