Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1875)
- Date
- 1875-10-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XVt Jahrgang. Erste Geilage zu Ar. 40 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Berlin. Herr vr. Salomon Cohn, gegen« wärtig Landrabbiner von Meckl.-Schwerin, ist am Donnerstag den 9. Sept. von dem Comite der Synagoge an der Potsdamerbrücke, auch genannt Westend - Synagoge, in Berlin, also den Herren Jacob Bamberger, Salomon Lachmann, N. Oppenheim und Louis Unger, lebenslänglich zum Prediger der Synagoge mit gleichzeitiger Uebernahme des Directorats der Neligionsschule, die dort jetzt in's Leben gerufen werden soll, gewählt; derselbe war persönlich am Donnerstag hier anwesend und hat zugesagt, noch vor n"°i hier einzutreffen , die Einweihung zu leiten und an den d\s-)jo O'O' dort zu fungiren. Es wird diese Wahl hier allgemein als segenverheißend betrachtet. Dresden, im September. Nach der amtlichen Feststellung ist das Ergebniß der am 14. d. M. stattgefundenen Landtagswahl ein sehr erfreuliches. Es erhielten Adv. vr. Lehmann 724, Adv. Krause 177 Stimmen. Hiernach ist Lehmann, der erste Jude Sachsens, zum Landtagsabgeordneten gewählt worden. Zur Kennzeichnung des hiesigen Organs der föderativen (reaktionär - particularistischen) Partei, das sich als ein Blatt des besonnenen Fortschritts anpries, theilen wir folgenden Passus der sächsischen Kreuzzeitung, „Reichszeitung," mit. Die Reichszeitung bekämpfte die Anhänger der Lehmann'schen Candidatur als „ eine Partei, die ihr grundsätzliches Absehen von der christlichen Grundlage des deutschen Staatslebens durch Aufstellung eines jüdischen Glaubensgenossen bekundet", und sie mahnt, daß „zu einer Gegenanstrengung sich Alle aufraffen, welche den christlichen Boden nicht verlassen wollen". Wir könnten hier mit unseres großen Lessing Worten fragen: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?" könnten daran erinnern, daß dessen „Nathan", worin jene Worte sich finden, vor nun fast genau 100 Jahren geschrieben ward, und könnten daran die weitere Frage knüpfen, ob man denn wirklich unserm Dresden die Schmach anthun will, ihm zuzumuthen, im Jahre 1875 einer religiösen Intoleranz zu huldigen, welche schon 177« einer unserer größten Dichter unter dem Beifall der ganzen gebildeten Welt so treffend zurechtwies? Aber wir wollen die Herren mit ihren eigenen Waffen schlagen! Sie spielen ja immer so gern die allzeit treuen Anhänger des Königthums; sie wollen, wenn man sie hört, nur was der König will, und nichts, was der König nicht will. Nun wohl! Haben sie vergessen, daß es einer der jedenfalls christlich-frömmsten Könige, daß es unser verewigter König Johann war, unter dessen Regierung 1868 ein Gesetz in den Landtag gebracht und, nachdem cs dort angenommen, mit der Königl. Unterschrift publicirt ward, welches lautet: „Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Glaubensbekenntniß," während bis dahin die sächsische Verfassung den Juden vom Wahlrechte ausschloß? Auch das judenfeindliche Blatt Dresdens, die ..Dresdner Nachrichten", welche nur für die Wahl Lehmanns waren, weil auch Lehmann als guter sächsischer Particularist particularistische Zwecke verfolgt, sagt in Nr. 261: „Wir haben immer (?) die Ansicht vertreten, daß es bei einem Abgeordneten nicht auf das Glaubensbekenntniß, sondern auf Charakterfestigkeit und politische Einsicht ankömmt. Trotzdem begreifen und billigen wir die Genugthuung unserer israel. Mitbürger. Speciell israel. Zwecke wird Herr Lehmann ohnehin nicht auf dem Landtage verfolgen können*) (!), da es eine Judenfrage in Sachsen (und in Preußen?) glücklicherweise nicht gibt." Und in der That ist es von den Sachsen sehr viel, daß sie einen Juden zum Abgeordneten wählten; denn im Sachsenland herrscht noch viel Rischuß. Bis jetzt ist noch kein Jude an einer öffentlichen Lehranstalt in Dresden thätig. Im Jahre 1«74 wurden einige jüdische Lehrer in Dresden und Chemnitz von den Directoren zurückgewiesen, weil sie nicht an die Dreieinigkeit glauben. Glauben die Herren wohl, daß der jüdische Lehrer bei der Correetur der schriftlichen Arbeiten nicht soviel rothe Dinte verbrauchen werde, wie der christliche? Ja, selbst bei Aufforderung zur Steuerzahlung *) Anm. der Red.: Tie Herren brauchen sich nicht zu fürchten! Der in Rede stehende Herr Tr. Einit Lehmann ist nur dem Namen nach Jude; er machte vor einigen Jahren in einer Brochüre den Vorschlag, den Jom Kippur als solchen abzuschaffen und an dem genannten Tage die Generalversammlung des jüdischen Gcrneindebundes abznhaltcn!!