Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1875)
- Date
- 1875-10-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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895 « eine grenzenlose, einer Steigerung unfähige, gewesen. Eleonore war eine fromme, gottergebene Jüdin, eine wackere bescheidene Hausfrau — und als sie mich mit meinen herrlichen Töchtern, Susanns und Clara, beschenkte, eine Mutter, wie mir diese früher nur als Ideal vorgeschwebt hatte. Es gab keinen Armen, der unbeschenkt, keinen Hungrigen, der ungesättigt, keinen Unglücklichen, der ungetröstet die Schwelle unseres Hauses verließ. Sie gehörte zu jenen seltenen Meisterwerken des weisen Schöpfers, die alle guten Eigenschaften gleich ausgebildet vereinen. — Ich will von ihrer Schönheit nicht sprechen, ihre irdische Hülle ruht in stillem Grabe; — aber ihre See.e, ihr Geist, thr Gemüth waren dieser schönen Hülle würdig. Es gibt wenig Frauen, die mit der Weichheit des Gemüthes, mit der Zartheit des Fühlens einen so entwickelten klaren, alles richtig erfassenden Verstand besitzen. Sie hatte in ihrem Vaterhause und auch bei ihren Verwandten eine ausgezeichnete Erziehung genossen, und die reiche Saat war auf ergiebigem Boden glücklich aufgegangen, .... sie sprach so einfach und doch kraftvoll und markig ... sie sprach mit Jedermann die Sprache seines Herzens . . . ein einziger Trost ist mir geblieben . . . .sie hat mir in ihren Töchtern echte Ebenbilder hinterlassen." Die beiden Eberstein fühlten es, die Wunde war noch frisch, urwernarbt. Sie unterbrachen die längere Pause nicht, der feine Tact des Herzens lehrte sie, daß diese Töne langsam, in sich selbst, verklingen müßten. Löwenstamm nahm endlich wieder den Faden seiner Erzählung aus. „Wir lebten vollkommen zufrieden. Meine materiellen Verhältnisse gestalteten sich günstig. Es wäre mir bei dem Vermögen, das ich mir erworben und bei dem Vertrauen, das ich erlangt hatte, leicht gewesen, mich selbstständig als Großhändler zu etabliren; aber mein Beruf war mir lieb geworden; was ich benöthigte, erwarb ich leicht und ehrenvoll, und konnte alljährlich für die Zukunft meiner Familie noch etwas erübrigen; den Hausstand meiner Töchter zu begründen, wäre mir nicht schwer geworden, ... ich blieb Makler . Meine Tochter Susanne war zur herrlichen Jungfrau emporgedlüht, da lernte sie ein junger Mann kennen und lieben. Susanne erwiderte seine Gefühle, der junge Mann war als Schwiegersohn das verkörperte Ideal meiner Wünsche, meine Gattin und ich wir willigten gerne ein, daß er Susannens Gatte werde, wir verlobten sie." Löwenstamm hielt einen Augenblick tief bewegt inne und blickte ernst in das Antlitz der beiden! Männer, die mit lebhafter Spannung jedem seiner I Worte folgten. i „Ich werde Ihnen ein merkwürdiges Geheimniß mittheilen — wären wir heute nicht zu dieser Auseinandersetzung gelangt ... .sie hatten diesen Theil meiner EMHlung wahrscheinlich binnen Kurzem von Ihrer Frau Schwester, — durch Ihren Neffen Alfred Cohen erfahren." „Unser Neffe Alfred!?" riefen die beiden erstaunt wie aus einem Munde .... Alfred sollte der Gatte Ihrer altern Tochter, sollte Ihr Schwiegersohn werden? . . „Das erscheint mir höchst merkwürdig/' fügte Robert nach einer Pause kopfschüttelnd hinzu . . . „Alfred hätte doch uns. . . wenigstens seiner Mutter, Mittheilungen . . ." „Alfred war eben im Begriffe, nach Hause zu reisen oder zu schreiben, um sich die Zustimmung seiner Mutter zu erbitten, als diese schwer erkrankte, er telegraphisch abberufen wurde. Er wachte Nachte lang am Bette seiner Mutter, die er lebensgefährlich darniederliegend fand, bis ihn übermäßige körperliche Anstrengungen und geistige Aufregungen selbst auf's Krankenlager warfen ~ das er, wie Sie sich erinnern werden — erst nach sechs Monaten verlassen konnte. Es war seit seiner Abreise von Breslau eine lange Ieit verstrichen, und mittlerweile war ein furchtbarer Umschwung in meinen Verhältnissen eingetreten. Wir hatten — leicht begreiflich — Alfreds Stillschweigen bafjin gedeutet, daß er mit Susannen brechen wolle. — Als er wieder nach Breslau zurückkehrte, fand er mich in Ketten, im Kerker. . . Susanne war verzweifelnd auf meinen Wunsch das Weib eines Andern geworden!" „Das ist eine merkwürdige Enthüllung," murmelte Carl Eberstein. „Mir wird jetzt Vieles klar in Alfreds Wesen," sprach Robert nach einer längeren Pause reiflichen Nachdenkens. „Sein tiefer Ernst, der mit seinem früher» heitern Wesen nicht übereinftimmte, und den ich als unbegreifliche Folge seiner Krankheit betrachtete. Sein schroffes Zurückweisen aller Heirathsanträge, und namentlich seinen festen, unmotivirten Vorsatz, die Breslauer Wollmarkte nicht mehr zu besuchen . . ." „Meine Herren" .... ergriff Löwenstamm wieder das Wort . . . „meine Tochter Susanne ist wieder frei — ihr Gatte, ein ihrer unwürdiger, junger Mann ist gestorben . . . wir, meine Tochter Clara und ich, wir erfuhren dies brieflich erst vor einer Stunde. Heinrich brennt vor Begierde, das noch heute Alfred mitzutheilen ..." „Mir schwindelt förmlich!" rief Carl Eberstein . sich den Schweiß von der Stirne trockend, „ich kann mich in der That von meinem maßlosen