Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1875)
- Date
- 1875-09-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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876 Werbung, die je auf Gottes weiter Erde vorgekommen." „Ja, theure Schwester, rief ich, ich nehme das Kleinod aus Deiner Hand, ich will es hochachten und ehren, so lange ich lebe . . . Wollen Sie meine Gattin werden?" „Ich erfülle den Wunsch meiner Wohlthaterin, meiner einzigen Freundin auf Erden, HerrLöwenftamm, entgegnete das Mädchen mit einer Stimme, die aus dem tiefsten Herzen kam und in die Tiefen meines Herzens drang ... ich werde Ihnen eine treue, ergebene Gattin sein; wenn ich es Ihnen auch offen in diesem feierlichen Momente gestehe, daß die Erinverung an eine reine, heilige Jugendliebe in mir lebt." „Seid glücklich," rief Debora mit starker Stimme, als flackerten die letzten Lebensflammen noch einmal empor . . . jetzt kann ich ruhig sterben . . . Dina, rufe die frommen Frauen, Lea, reicht mir die Techina2) . . . dort in der Lade . . . daß ich mein letztes Gebet mit Euch verrichte!" „Die Frauen, welche meiner Schwester den letzten Liebesdienst erweisen wollten, traten ein. Debora betete mit bis zu Ende, ... bis zu ihrem eigenen Lebensende. Mit einem sanften Lächeln, mit einem Blicke, der uns grüßte und segnete, schied sie aus dem Leben. Sonntag bestatteten wir sie zur Erde — Lea, das fremde Mädchen, und ich — wir waren Braut und Bräutigam." Löwenstamm schwieg. Eine solche Erzählung, eine solche Erinnerung kann auch den Kräftigsten erschöpfen. ES trat diesmal eine längere Pause ein, es war stille im Gemache, man hörte nichts als den leisen Pendelschlag der Wanduhr. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne," begann Carl Eberstein endlich. „Eine wunderbare Wiederholung in derselben Familie. Sie empfingen ihre Gatten aus der Hand ihrer geliebten, sterbenden Schwester, ohne sie je früher gesehen zu haben, und auch Ihre Tochter Clara sah ihren Verlobten zuerst am Todtenbette ihrer Mutter, ihrer Gattin." „Bevor ich die Leiche bestatten ließ," fuhr Löwenstamm endlich fort, „öffnete ich den Schrank meiner verewigten Schwester. Vielleicht hatte sie bezüglich ihres Leichenbegängnisses etwas angeordnet. Ich fand ein Schreiben, das ich seit jenem Tage stets bei mir trug . . . auch der Kerkermeister 2) Gebetbuch. ließ mir's in meinem Gefängnisse, und ich las es oft in furchtbar einsamen Stunden, wo ich wahnsinnig zu werden glaubte, obwohl ich den Inhalt Wort für Wort auswendig wußte .... wenn eS Sie interessirt, ich kann es Ihnen zeigen. Er zog ein vergilbtes, vielfach zerleseneS Blatt aus seiner Tasch, der Brief war in jüdischer Currentschrift geschrieben, er lautete: „Theurer Bruder! Ich hoffe Dich noch vor „meinem Ableben zu sehen und zu sprechen, aber da „es in Gottes unerforschlichem Rathschlusse beschlos- „sen sein könnte, daß wir uns hienieden in diesem „Leben nicht mehr zusammeufinden, so habe ich mei- „nen letzten Wunsch hier niedergeschrieben, Du wirst „gewiß in meinem Pulte nach meinem letzten Willen .suchen . . „Mein letzter Wunsch aber ist, daß Du meine „theure Lea — ich nenne sie bei ihrem biblischen „Namen, der mir besser als der moderne gefällt — „zum Weibe nimmst und sie glücklich machst . . . „sie verdient es — und noch Eins, Hermann! „forsche nicht nach ihrer Vergangenheit, laß Dir mit „dem genügen, was sie Dir mittheilt — ich bürge „für sie —' ihr junges, warmes Herz hat unsagbar „Bitteres erfahren . ... . gib ihr die Ruhe ihrer „Seele wieder .... Gott segne Euch .... seid „glücklich . . . und gedenket meiner!" „Meine Schwester hatte diese Zeilen — ich erkannte das am Datum mühsam — kurz vor meiner Rückkehr, kurz vor ihrem Tode geschrieben." „Meine Gattin hat mir aus ihrer — selbstverständlich makellos reinen — Vergangenheit kein Geheimniß gemacht. Sie war eine elternlose Waise; hatte in dem Hause ihres Vormundes gelebt, und war dort unverdient hart gekränkt worden. Mit einem tiefen, echt weiblichen Gemüthe vereinigte meine Gattin edlen Stolz, männliche Energie. Sie verließ das Haus, das ihr zur Heimath geworden, um mit ihrer Vergangenheit vollkommen zu brechen. Ich habe ihr gelobt, ihr Geheimniß zu ehren und zu bewahren — ich muß mein Bort halten. Aber ich hoffe, Gott, der mich so schwer geprüft, mich nach unsagbarem Leid aus tiefer Kerkernacht und unendlicher Schmach emporgezogen zum Licht, wird Ihnen auch dieses Dunkel lösen . . . ohne mein Zuthun . . ." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdrnckerei (Mainzer Anzeiger).