Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1875)
- Date
- 1875-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sin gefunden. — Meine Anfrage hierüber beantwortete sie ausweichend, als wollte sie mir die nähern Mittheilungen erst mündlich geben. Ich mochte wohl drei Monate abwesend gewesen sein, als mich ein Schreiben eilend nach Hause rief. Meine Schwester Debora war an einem Lungenübel erkrankt .... ich ersah aus den Andeutungen des Schreibens, daß Debora lebensgefährlich Kckrankt sei und mich noch vor ihrem Tode sprechen wolle. Der Brief war in ihrem Namen geschrieben, mit ihrem Namen gefertigt, aber es waren nicht die Schriftzüge meinerSchwester. Ich eilte, ohne mich aufzuhalten, nach Hause. Ich fuhr in fieberhafter Spannung Tag und Nacht. Spät Nachmittags langte ich in Breslau an, es war nahe am Anbruche des Sabbats, ich stürmte in meine Wohnung, ich konnte es nicht erwarten, das Krankenzimmer meiner Schwester zu betreten." „Ich sehe im Geiste noch jetzt das trauliche Kämmerchen. Es ward von vier Wachskerzen, die in silbernen Leuchtern staken, hell erleuchtet. Trotz der rauhen Jahreszeit stand eine Vase mit einem Blumensträuße auf dem mit einem weißen Linnen bedeckten Tische, der in der Mitte des Zimmers stand. Der ganze Raum athmete Gottesruhe, es schien, als hätten die Bewohner desselben nichts anderes zu thun gehabt, als den Sabbat feierlich zu empfangen." „Meine arme Schwester Debora lag in einem weißen Gewand auf dem Bette, sie war bleich und mager geworden, und die Schatten des Todes flogen schön über die milden Züge ihres seelenvollen Gesichtes. An dem Fußende ihres Bettes saß die Hausm-igd Dina, die mit meiner Mutter nach Breslau gekommen und noch heute die Hüterin meines Hauses ist — am Kopfende saß ein Mädchen , dessen Schönheit eine so bewältigende, eine so wunderbare war, daß ich trotz der berechtigten Bewegung, die mich erschütterte, einen Moment überrascht stehen blieb . . . Sie ersparen mir ihre Schilderung, meine Töchter sind ihre getreuen Ebenbilder ..." „Meine Schwester hielt die Hände der Fremden fest, fast krampfhaft in den ihrigen. Bei meinem Anblick überflog ein zufriedenes Lächeln die Züge meiner Schwester." „O, guter Bruder!" sprach sie mit matter Stimme, „ich wußte es wohl, Du würdest noch kommen, . . . mich sehen, . . . bevor ich von Dir geh*!" „Ich bot Alles auf, die aufsteigenden Thränen niederzukämpfen, ... es war das letzte treue Herz, das sich von mir riß." „Ah! Debora, nun bin ich wieder da, es wird Alles gut werden, Du wirst leben! rief ich." „Debora schüttelte wehmüthig den Kopf: Keine Illusionen, keine thörichten Hoffnungen, mein Kind. Meine Stunden sind gezählt .... ich bin überglücklich, Hermnnn, ich kann ruhig von Dir scheiden, Gott hat mir einen Engel, Lea, gesandt, sie hat mich gepflegt in meiner letzten Krankheit wie eine Tochter, mich geliebt wie eine Schwester! — Bruder Hermann, die Zeit verrinnt, es wird vor meinem Körperauge Nacht, und der große Tag bricht an, reicht mir Deine Hand; —' sie ergriff meine Rechte und legte sie in jene des fremden, mir unbekannten Mädchens, das ich früher nie gesehen, dessen Existenz ich vor Kurzem gar nicht geahnt hatte. Das Mädchen stand mir mit hochwogendem Busen gegenüber. Ihre bleichen Wangen wurden plötzlich von Purpurgluth überzogen. Wir Beide blickten schweigend, erwartungsvoll in das Antlitz meiner Schwester." „Nimm dieses Mädchen z« Deinem Weibe, Bruder, ich kenne dieses edle Herz, ich bürge für sie. Gott hat sie uns gesandt, damit ich ruhig sterben, — Du glücklich leben kannst. Lea, reich* ihm Deine Hand . . . und mache ihn glücklich ..." „Debora konnte nur noch schwer sprechen . . . ich fiebere nicht, ich phantasire nicht, ... ich bin bei vollem, klarem Verstände, strrach sie angestrengt weiter mit matter Stimme, zum Beweise, heute ist Chei Tewes*) und morgen wird der letzte Wochenabschnitt des ersten Büches Moses in allen Synagogen gelesen werden. . . ich will ruhig sterben. . . und Euch glücklich wissen. Eure Hände, daß Ihr Euch angehören wollt für das ganze Leben in Treue und Anhänglichkeit, sei ihm ein braves Weib, Lea ... sei ihr, der Verlassenen, ein treuer Gatte, Freund und Berather . . . denn sie ist dasWeib, dasGottDir bestimmt hat!" „Ich will es nicht versuchen, die Eigenthümlichkeit meiner damaligen Lage zu schildern .... Denkende Männer werden dieselbe leicht beuriheilen. Ich sah in das Antlitz des Mädchens, das mir gegenüber stand, und mich traf ein Blick, ein Blick so unsagbarer Güte, ihre Züge trugen das Gepräge einer so unschuldigen reinen Seele, als hätte Gott der Herr, der Schöpfer des Alls, alle Menschengüte, alle Sanftmuth in dieses eine Antlitz hineingezeichnet." „Die Worte Debora's hatten einen so erschütternden Eindruck auf mich gemacht, meiner Schwester Auge ruhte so bittend auf meinem Antlitz ... sie erwartete zitternd meine Antwort. — Gestehen Sie es, meine Herren, es war dies wohl die seltsamste 1) der achtzehnte im Monarc Tewes.