Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1875)
- Date
- 1875-09-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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872 darf. In der Scbweiz, wo im Allgemeinen wenig Juden wohnen und die meisten Glaubensgenossen, welche zu der großen Zahl, der die Schweiz bereisenden Fremden gehören, das jüdische Religionsgesetz mißachten, kann man nicht begreifen, warum der Fremde nicht an der tadle ä'dote speisen will; man denkt sich das Seine und sucht den Schaden anderweitig einzubringen. Trotz alledem ist es wohl der Mühe werth, diese Entbehrungen zu ertragen und daS trunkene Auge an den Schönheiten dieses unvergleichlichen Landes zu weiden. Wenn man in Jnterlaken eine nur mäßige Höhe, den kleinen Rügen oder die Heimweh-Fluh besteigt, so genießt man einen Ausblick, der wahrhaft entzückend ist. Und nun gar das Alpenglühen während des Sonnenunterganges! Es ist dies eine Naturerscheinung, die nur sehr selten sich darbietet. Rings im Thale schreitet die Nacht heran, denn die Sonne ist untergegangen; nur die schneebedeckten Gipfel der Berge erglänzen noch im Hellen Sonnenscheine; dann beginnt der Schnee sich zu röthen und immer tiefer und dunkler wird die Gluth, bis sie plötzlich verschwindet und die schneeigen Spitzen erscheinen wieder weiß - gran in der Dämmerung. pNn nxt’D rrtty no^ro cb'2 'n ywya on na „Wie viele sind deine Werke, o Herr, alle hast mit Weisheit du sie gemacht, voll ist die Erde von deinen Gütern." (Forts, folgt.) Zeitungsnachrichten & Correspondenzerr. Deutschland. München, 19. Sept. Geister schwarz und roth, Geister grau und weiß, Rühret, rühret, rühret, Rühret um mit Fleiß. (Macbeth.) Es ist eine recht traurige, dornenvolle Bahn, welche Künstler zn wandeln haben, die auf die Gunst eines verehrungswürdigen Publikums angewiesen sind; denn nichts ist veränderlicher als die Laune des Publikums. Heute ist Dieses en yogue, morgen Jenes; was heute angejubelt und dem applauj dirt wird, dem wird morgen mit dem Gähnen der! Langenweile begegnet. Wie begeisterte man sich vor einiger Zeit für eine vom Geiste der Halbheit beseelte Gemeinde, für eine Reformeinrichtung, die von der Kanzel herab empfohlen wurde und so Manche, welche religionslos so gerne religiös sein mochten, begrüßten diese neue Einrichtung mit vieler Freude, da eine solche Kunst-Liturgie wie jenes: „Tischlein deck Dich" nach dem Geschmacke eines Jeden zugestutzt werden könnte. O das waren schöne Zeiten, da dieser (faule!) Friede erblühte, unter dessen Sonne die Früchte des alten Schlendrians, die Härlinge des JndifferentiSmuS, keimten und immer mehr und mehr herortraten. Aber wie viele ganze und halbe Reformprediger versetzen sich in die Rolle eines ActeurS, ohne zu bedenken, daß sie nicht nur vor dem Parquette spielen, sondern auch auf das Publicum der Logen Rücksicht zu nehmen haben. Erndten sie auch lange Zeit Beifall, so können sie noch im letzten Acte ausgezischt werden. Wenn ich auch unseren Herrn Rabbiner mit solchen Reform-Schauspielern keineswegs in Parallelle ziehen will, so wurde ihm doch durch seine zweideutige Haltung und unklare Richtung das Loos derselben zu Theil. Die Reformpartei, welche bis jetzt in der schwebenden Synagogenfrage eben so offen und ehrlich wie die orthodoxe zu Werke ging, konnte bezüglich des im Reformtempel einzuführenden Gebetbuches zu keinem Einverständnisse mit dem Rabbinate gelangen und war genöthigt, selbstständig vorzugehen. Es wurde der in einer der jüngsten Nummern abgedruckte Aufruf an die Gemeinde-Mitglieder erlassen, wodurch man die Gesinnungen derselben kennen zu lernen und namentlich die Baufrage zu erledigen beabsichtigte. Das Circulär forderte die Mitglieder unserer Gemeinde auf, sich durch ihre Unterschrift entweder für den alten orthodoxen oder für den total reformirten Ritus zu entscheiden. Das Princip der Halbheit wurde sohin von beiden Seiten aus verdammt. Das Resultat der Abstimmung war für die orthodoxe Partei ein im Verhältniß über alle Erwartungen günstiges, indem sich 199 Mitglieder für den alten und 270 für den reformirten Gottesdienst erklärten. In der gestern Abend stattgefundenen, von zahlreichem Auditorium besuchten öffentlichen Sitzung der Verwaltung wurde der Beschluß gefaßt, „der orthodoxen „Partei die bisherige Haupt-Synagoge zu überlassen und einen Reformtempel zu erbauen." Wir können hier nicht unerwähnt lassen, daß in gedachter Sitzung ein Thema berührt wurde, welches von der Tagesordnung abweichend, aber dennoch indirect mit derselben verknüpft war, nämlich der vor einiger Zeit eingebrachte Antrag, das Porschen des Hinterflersches (oninM-npu) betreffend, welcher von der Majorität angenommen wurde und wogegen die orthodoxen Vertreter s. Z. protestirten, kam wiederholt zur Sprache und der Herr Rabbiner entschied sich aus rituellen Bedenken gegen diese neu einzuführende Institution, wofür wir ihm unsere volle Anerkennung zollen. Wir geben der Hoffnung Raum, daß, nachdem die Reform-