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Der Israelit · 1875-09-22 · Heft 38 (22.9.1875) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 38 (22.9.1875)
Date
1875-09-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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856 Jugend in einem mehr mütterlichen als schwesterlichen Berhältniß. Meine gute Mutter war immer kränklich gewesen und Debora in jeder Beziehung reich begabt, stand dem Hauswesen vor — mehr noch da sie eine tüchtige Bibelkennerin und mein Vater stets in seinem Berufe beschäftigt war, lehrte sie mich Hebräisch-Lesen und dre Anfänge der Bibel. „Mein Vater, ein Freund wahrer Bildung, hatte meinen älteren Bruder für sein eigenes Geschäft, mich für die Wissenschaften bestimmt und ließ mir nach erlangter Reife die Wahl zwischen medizinischen oder rabbinischen Studien. Das Studium der Rechte führte zu jener Zeit den Juden in meinem Vaterlande zu keinem praktischen Ziele. Ich wählte den ärztlichen Stand." „Ich hatte den medizinischen Cursus schon absolvirt, als mein älterer Bruder starb. Der Wunsch meiner Eltern veranlaßte mich, den Studien zu entsagen und den Beruf meines Vaters zu ergreifen. Es lagen hierfür mehrere gute Gründe vor. Meinem Vater war es, wie ich schon erwähnt habe, durch eine lange Reihe von Jahren möglich gewesen, seine Familie ohne übermäßige Anstrengung, ohne Wagnisse und namentlich ohne in der Ausübung seiner religiösen Pflichten behindert zu werden, in ehrenhafter Weise zu erhalten, ja sogar ein bescheidenes Vermögen zu ersammeln. Mein Bruder hätte zunächst ihm zur Seite stehen und dann sein Nachfolger werden sollen; nachdem er gestorben, sollte ich nun an seine-Stelle treten. Wir zogen auch diese sichere Lebensstellung der ungewissen Existenz eines jungen Arztes vor. Mein Vater hatte das Vergnügen, jetzt wo er durch höheres Alter und beginnende Kränklichkeit in der Selbstthätigkeit behindert, durch mich den ihm so liebgewordenen Verkehr mit seinen Geschäftsfreunden zu erhalten; mit einem Worte, eine allseitige Prüfung der Verhältnisse rechtfertigte meinen Berufswechsel. Für mich selbst war der Wunsch meiner Eltern maßgebend, und wurde ich auch in meinem Vorhaben von meiner Schwester Debora, die in Ungarn verheirathet war, brieflich bestärkt." „Die Aenderung meines Lebensplanes fiel mir weniger schwer, als Sie vielleicht glauben dürften. Vor Allem war es das beruhigende Gefühl, dem Wunsche meiner guten Eltern entsprochen zu haben, das mir meinen neuen Stand lieb und werth machte, und dann kam man mir — ich muß dies dankbar anerkennen — allerseits wohlwollendst entgegen. Die Cavaliere und Großgrundbesitzer, deren Boden- und sonstige Producte durch die Vermittelung meines Vaters verkauft wurden, und welche ihm ihr volles Vertrauen schenkten, übertrugen dieses auch auf mich, und behandelten mich freundschaftlich und mit Achtung. Das Wissen, das ich mir durch meine Studien erworben, kam mir nicht nur im gesellschaftlichen Umgänge, sondern oft auch sachlich zu Gute. Ich hatte während meiner Studienzeit Physik, Chemie und Botanik mit besonderer Vorliebe betrieben und fand häufig Gelegenheit, das erworbene geistige Capital auch materiell zu verwerthen. Um eines Beispiels zu erwähnen, hatte ich mir die besondere Freundschaft des Baron Tondern, der in meinem Leben eine so entscheidende Rolle spielte, dadurch erworben, daß ich ihn in dem chemischen Laboratorium, das er auf seinem Schlosse eingerichtet hatte, bei Experimenten oder Analysen zu Agricultur-Zwecken unterstützte." „Meine Eltern hätten es gerne gesehen, wenn ich noch bei ihren Lebzeiten eine Lebensgefährtin gewählt hätte, doch ward ihnen dieses Glück nicht beschieden. Ich fand wenig Gelegenheit, Mädchen- Bekanntschaften zu machen; Heirathsanträge, die mir, wie dies in jüdischen Gemeinden üblich ist, durch Vermittler gemacht wurden, entsprachen meinem Sinne nicht. ' Die Liebe zu meinen Eltern und meiner Schwester hatten meinem Leben Zweck gegeben und dieses ausgefüllt. Ich wollte bei der Wahl meiner Gattin nur mein Herz sprechen lassen, ich hatte damals das Ideal, das meiner Seele vorgeschwebt, noch nicht gefunden.... Ich war dreißig Jahre alt, da starben meine theuren Eltern kurz nacheinander, zuerst der Vater, zehn Monate später die Mutter. Es wurde recht traurig in meinem kleinen Hause. Meine Eltern waren mir Alles gewesen . . . mein einziger Lebenszweck war der gewesen, ihr Dasein nach meinen schwachen Kräften nach Möglichkeit auszuschmücken .... ich blieb einsam und verlassen zurück." „Fast gleichzeitig mit meiner Mutter war auch mein Schwager, der Gatte meiner Schwester Debora, gestorben, und ich rief die kinderlos Berwittwete in's Vaterhaus zurück. Es war ein Glück für mich, daß meine Debora heim kam .... Wir hatten beide in kurzer Zeit Trauriges erfahren und nur unsere gegenseitige Liebe konnte unfern Schmerz lindern. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Beranlwortlichc??:daction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Goltsleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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