Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1875)
- Date
- 1875-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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855 „ich muß Ihnen meinen innigsten wärmsten Dank für die herzliche Aufnahme, die Sie meinem Kinde bereiteten, aussprechen. Sie hatten, bevor Sie noch Claris Persönlichkeit kannten, zu einer Zeit, wo des Unglücks schwere Hand mit furchtbarem Drucke auf meinem Hause lastete, wo ich mit Schmach und Schande bedeckt war, die Wahl Ihres Neffen gebilligt; und das gab mir einen Vollbeweis für die Größe Ihres Herzens .... Sie wollten mein Kind als Ihre Tochter aufnehmen als . . . „Regen Sie sich nicht auf," sprach Robert ernst, „Heinrich und Clara sind für einander bestimmt, es war eine Fügung Gottes .... und diese hatte sich doch auch sichtbarlich in Ihrem Leben offenbart . . . ." Carl versuchte es, dem Gespräche eine andere Richtung zu geben. Trotz seiner kleinen Schwächen war er ein herzensguter Mensch und war zu fein, zu zartfühlend, um es als etwas Außerordentliches gelten zu lassen, daß Löwenslamms Tochter in seine Familie käme — auch litt sein Familienstolz darunter: Wer sich mit den Ebersteins verband, mußte sich ihrer würdig und gleichberechtigt fühlen. „Ja, verehrter Freund," sprach er, „wir hatten aus den Zeitungen und durch Heinrich wohl Gelegenheit zu lesen und zu hören , wie Jedermann vom Geringsten bis zum Höchsten bemüht war, Sie zu ehren und Sie die Leiden der Vergangenheit vergessen zu machen, aber bisher konnte ich nicht erfahren, wie es möglich war, daß ein aus unparteiischen, strengen, allgemein geachteten Richtern bestehendes Collegium die Wahrheit so verkennen konnte, einen Mann, der sich stets der höchsten Achtung erfreute, in einer, ich möchte sagen, wahnsinnigen Weise zu mißkennen, das ist etwas, was alle meine Begriffe übersteigt." „Es war in der That das Meisterwerk eine- Bubenstückes, das ein Schurke an mir vollbracht," sprach Löwenstamm mit unsäglicher Bitterkeit, „er wußte alle Umstände seinen Zwecken günstig zu gestalten." „So?!" rief Robert überrascht, „das wußte ich nicht, wir nahmen an, daß nur das vrrhängnißvolle Zusammentreffen unglücklicher Umstände . . . „Sie kennen also den näheren Verlauf meines Prozesses gar nicht? .... wenn Sie es erlauben, werde ich Ihnen denselben mittheilen — doch muß ich weit zurückgreifen .... ich müßte fast meine ganze Lebensgeschichte erzählen, denn die Fäden meines Lebens sind wunderbar ineinander verschlungen. Es ist mir lieb, mich Ihnen, meinen neuen theuren Freunden, gegenüber auszusprechen . . . . Sie sollen mich und die Meinigen genau kennen lernen .... wenn Sie mir eine Stunde Gehör schenken wollen, gebe ich Ihnen einen Abriß meines ganzen Lebens." „Verehrter Freund!" entgegnete Carl, „wir kennen Sie jetzt so genau, als wären wir lebenslang im innigsten Verkehr mit Ihnen gestanden; wenn wir Ihren freundlichen Antrag und Ihre Lebensgeschichte mitzutheilen dankbarst annehmen, so geschieht dies nur, weil wir das innigstwärmste Interesse an Ihnen und den Ihrigen nehmen." .Vorerst abe," meinte Robert, „erlauben Sie, daß ich eine frische Cigarre offeiire, beim Rauchen erzählt stchS bester, Sie werden an uns aufmerksame Zuhörer habener reichte ihm ein Kästchen feinster Havanna hin. Lüwenstamm setzte sich in ein Fauteuille, drückte einen Moment die Hand an die Augen, wie man unwillkürlich zu thun pflegt, wie wenn man das Körperauge schließen wollte, um Vergangenes im Fluge vor seinen Augen vorüberziehen zu lassen; dann begann er: „Ich bin in Schlesien geboren und entstamme einer attjüdischen Familie,' die sich stets durch Frömmigkeit, Wissen und Anhänglichkeit an das althergebrachte Judenthum auszeichnete. Im Mittelalter hatten viele meiner Ahnen ihre Glaubenstreue mit einem martervollen Tode besiegelt; zu jeder Zeit aber, seit Jahrhunderten, zählte man in meiner Familie hervorragende Talmudisten, weltbekannte Rabbiner. Ich erwähne dieses Umstandes nur, weil eS mir bekannt ist, daß Sie zu der Zahl jener hochachtbaren Namen gehören, denen es gelungen ist, der zweifelnden Mitwelt den Nachweis zu liefern, daß echte wahre, jüdische Frömmigkeit mit Bildung und hoher Lebensstellung vereinbar ist." „Mein Vater sichrono liwrocho*) hatte einen in unserer Provinz nicht ungewöhnlichen Berufszweig gewählt. Eine genaue Kemitniß aller Handels¬ und Bodenproducte, durch strenge Redlichkeit erworbenes Vertrauen der größten Grundbesitzer und ausländischen Händler und Fabrikanten hatten ihn zu einem allgemein beliebten und geachteten Makler gemacht. Durch ausgebreitete Verbindungen in den Stand gesetzt, die großartigsten Geschäfte in reellster Weise zu vermitteln, gelang es ihm, seine Familie in ehrenhafter Weise redlich und ausgiebig zu ernähren. Diese bestand aus meiner seligen Mutter, meiner Schwester Debora, meinem älteren Bruder Benedikt und mir selbst." „Debora war um zehn Jahre älter als ich und stand mir gegenüber seit mciner zartesten ') gesegneten Andenkens.