Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 16 (1875)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1875)
- Date
- 1875-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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851 Normen gebracht. Friede und Wohlstand herrschten, das goldene Zeitalter schien gekommen. Aber das Römerreich mußte zerfallen, und es zerfiel. Barbarei und immerwährender Krieg zerstörten die großen Errungenschaften der Menschheit. Wir leben in einer Culturperiode, die größer und umfassender ist als die geschilderten. Wird sie Bestand haben? Gott weiß eS. (Fortsetzung folgt.) Ntisrbrikfr. IV. Bern, 2. September. Heute, am Jahrestage der Schlacht bei Sedan, da in Deutschland allüberall der glorreichste Sieg, den die deutschen Waffen jemals errungen haben, gefeiert wird, erfahre ich in der Bundeshauptstadt der freien Schweiz sehr wenig davon. Ob die hier ansässigen Deutschen den Tag feierlich begehen — ich habe nichts davon gehört. Von Baden-Baden fuhren wir durch das schöne Rheinthal zwischen Schwarzwald und Vogesen nach Basel, an Frei bürg vorüber, wo, nicht uns, sondern der Mehrzahl der Mitreisenden, ein feierlicher Empfang bereitet wurde. Es war nämlich Generversammlung der katholischen Vereine. Der stellvertretende Erzbischof von Freiburg war mit großem Gefolge am Bahnhofe, um den ankommenden Bischof von Mainz und andere Würdenträger der katholischen Kirche zu empfangen. — In Freiburg (im Breisgau) durften bis vor wenigen Jahren Israeliten nicht wohnen. Freiüurg war damals eine öde, stille, unbedeutende Stadt, in der das Grundeigenthum nur geringen Werth hatte. Jetzt blüht eine zahlreiche Israel. Gemeinde dort, und die Stadt hat sich merkwürdig gehoben; Handel und Wandel gedeihen, ganz neue Stadttheile find erstanden, prächtige Landhäuser sind gebaut worden. — Abends spät kamen wir nach Basel; in aller Frühe suchten wir die Synagoge auf, ein prächtiges Gebäude; aber wir kamen um eine ganze Stunde zu früh, da der Gottesdienst erst um 7 Uhr begann. Die Synagoge wurde vor fünf Jahren neuerbaut; damals wohnten ca. 30 israel. Familien dort; glücklicher Weise wurde die Synagoge viel zu groß angelegt. Jetzt wohnen ca. 100 israel.'Familien in Basel, und die Synagoge ist fast zu klein geworden. Bisher fungirte der Rabbiner zu Hegenheim (Elsaß) auch zu Basel. Doch soll das Verhältniß gelöst und ein eigener Rabbiner acquirirt werden. Die durch Frömmigkeit und Wohlhabenheit hervorragendste Familie ist die der Herren Dreyfus, durch deren Bemühungen namentlich das großartige israel. Asyl zu Hegenheim errichtet ist worden. Die Stadt Basel wurde schon von den Römern erbaut. Im Mittelalter blühten wiederholt israel. Gemeinden dort; aber unsere Glaubensgenossen wurden vertrieben, und lange Zeit blieb ihnen die Stadt verschlossen. Die Stadt bietet dem Fremden wenig Bemerkenswerthes; für uns Juden sind die Frescogemälde im Rathhause von Interesse. Dieselben sind im Jahre 1510 gemalt und stellen Scenen aus der jüdischen Geschichte dar; das eine zeigt uns den König Josaphat, wie er die Richter ermahnt, das Recht in Wahrheit und Frömmigkeit, nach dem Willen Gottes, zu handhaben; das andere zeigt uns — nach Josephus — den Herodes als Todtschläger beim Synhedrium verklagt; aber die Richter sowohl als der König Hirkan fürchten den mächtigen Mann und senken ihre Blicke zu Boden. Da tritt Schammai auf und hält den berufsuntreuen Richtern eine Strafrede: „Weil Ihr nicht wagt, den Schuldigen schuldig zu sprechen, so wird Euch Allen von diesem Herodes Verderben erwachsen!" — Und so geschah es; Herodes tödtete später das ganze Königsgeschlecht der HaSmonäer, sämmtliche Mitglieder des Synhedrium (bis auf Baba ben Butta, den er blenden ließ) und machte sich selbst zum Könige. Er, der ein edomitischer Sclave gewesen war, wurde mit Hilfe der Römer König von Juda und zwang die letzte haSmonäische Prinzessin, Marjamne, seine Gattin zu werden; doch auch ihr mißtrauete er und ließ sie und die .beiden Söhne, die sie ihm geboren, umbringen. — So erfüllte sich die Prophezeihung Schammai's. — Das Bild ist eine treffliche Mahnung für Richter, die zum Rathsfaale schreiten, um über Tod und Leben abzusprechen. Die Schweizerische Centralbahn brachte uns heute nach Bern, einer der interessantesten Städte, die wir kennen — eine echte, alte Schweizerstadt, voller Schweizerischer Eigenthümlichkeiten, mit prachtvollen Umgebungen und herrlichen Aussichten auf die schneebedeckten Alpen des Berner Oberlandes, mit neuen, prächtigen Straßen und Gebäuden und mit uralten Gassen, Häusern und Denkmälern. Namentlich sind die Brunnen-Denkmäler sehr interessant. Das Seltsamste ist wohl das de- Kindli-Fressers auf demKornhauSplatzetjiHhie mächtige Figur steht in Begriff, ein Kind zu ver-- z hren, während mehrere Kinder, zu demselben Zwecke bestimmt, im Gürtel und in derKOch^stecken. Wer den Kindli-Fresser steht, kann sich,desLache^s