Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1875-09-22 · Heft 38 (22.9.1875) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
16 (1875)
Issue
Heft 38 (22.9.1875)
Date
1875-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447603-2447631--11790-2467589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

850 Genuß des Lebens, und die Einfachheit der Sitten verschwindet. ES wäre thöricht, diesen thatsächlichen Erscheinungen, die eine Folge unserer ganzen Culturentwicklung sind, entgegentreten zu wollen. Im Gegenteile , diese Errungenschaften sind werthvolle Güter; daß sie auch Nächtheile im Gefolge haben, liegt eben in der Natur alles Irdischen, das gebraucht und mißbraucht werden kann. Hüten aber müssen wir uns vor der setzt so allgemein verbreiteten Vorstellung, daß diese Entwickelung der. materiellen Cultur die wichtigste Aufgabe der Menschheit sei. Was kann diese Cultur erreichen? Kann sie die Menschen besser, vernünftiger, edler machen? Wird der Mensch durch die Vermehrung der Genüsse, durch die gesteigerten Bedürfnisse glücklicher? Werden seine Sitten reiner, wird sein Familienleben inniger? Die Erfahrung lehrt UNS das gerade Gegentheil; die Geschichte zeigt uns — und wir haben es in den vorangegangenen Capiteln nachgewiesen — daß es solche Culturepochen, wenn auch auf engeren Raum beschränkt, schon mehr gegeben, und daß sie. der inneren Wahrheit und der festen Grundlage der göttlichen Lehre entbehrend, verfallen mußten und in der That verfallen sind. Die erste große Culturentwickelung war die der Chamitischen Völker; Aegypten, Babilon, Niniveh, Sidon und Tyrus waren jener alten Welt, was uns heute Paris, London, Berlin, Wien und Petersburg find. Die Cultur hatte eine Höhe, Größe, Ausdehnung und Bedeutung erreicht, wie sie die heutige Welt sich in Bezug auf jene alte Zeit nicht vorzustellen vermag. Lesen wir nur die Schilderung, welche der Prophet Jecheskel im 27. Capitel von der Größe, dem Reichthum, dem Handel und der Macht von Tyrus entwirft. „Tyrus, das am Eingänge der Meere liegt und den Handel der Völker mit vielen Inseln vermittelt, das sich selbst den Inbegriff der Schönheit nennt, dessen Herrschaft sich bis in das Herz der Meere erstreckt! Alle Nationen liefern ihre Producte, um Tyrus zu verschönen und zu bereichern; von Schnir kömmt das Holz für die Bohlen seiner Schiffe, die Cedern im Libanon liefern die Maste; von Baschan, Assyrien und den Ethischen Inseln werden die Eichen für die Ruder gebracht; von Aegypten kömmt der gestickte Byssus für die Segel, Decken von Purpur aus den Inseln Elischah's; Bewohner von Sidon und Arwad müssen als Ruderer dienen, während die kunstverständigen Tyrier selbst das Steuer leiten; von den entferntesten Gegenden fahren Schiffe herzu, um ihre Maaren in TyruS auszuladen; die Weisen von Gebal kommen nach TyruS als Baumeister, während es seine Söldner, seine kriegserfahrenen Bertheidiger aus Persien, Lydien und Put bezieht; bis nach Tarschisch erstreckt sich sein Handel, der seine Borraths Häuser mit allen Kostbarkeiten sowie mit Silber, Eisen, Zinn und Blei füllt; Griechenland , Tubal und Meschech treiben Handel im Dienste von Tyrus, führen ihm Sclaven und Kupfer zu; aus Togarmah bezieht es Pferde, Reiter und Maulthiere, aus Indien Horn, Elfenbein und Pfauen; Armenien treibt in seinem Dienste Handel, führt ihm Edelsteine, Stickereien, Purpur und Byssus zu; Jndah und Israel versorgen es mit Weizen, Honig, Oel und Balsam, Damaskus liefert Wein und weiße Wolle, Dan und Jawan bringen Stahl und Gewürze, von Indien kommen die kostbarsten Gewürze, Gold und Edelsteine, von Arabien Stiere, Widder und Böcke." Wir haben hier die Schilderung einer großartigen Handelsstadt, welche die Meere beherrscht, die benachbarten Nationen in Sold nimmt und die Producte der weiten Ferne verwerthet. Welchen Reichthum da die Einzelnen erlangten, geht wohl daraus hervor, daß Jesaias (23, 8) die Kauflente von Tyrus Könige nennt! Und jene ganze großartige Chamitische Cultur, sie mußte zu Grunde gehen, sie ist zu Grunde gegangen. Die zweite, noch bedeutendere Periode erner auSgebreiteten Cultur ist die des römischen Weltreichs. Um von der Pracht und Herrlichkeit der stolzen Roma eine Vorstellung zu bekommen, muß man die Schilderung der alten Schriftsteller lesen. Keine der heutigen Weltstädte kann auch nur im Entferntesten mit dem alten Rom, seinen wunderbaren Palästen, seinem Comfort und seinem Luxus verglichen werden. Allein die Einrichtung der öffentlichen Bäder im alten Rom übertraf an Herrlichkeit, Luxus und Bequemlichkeit die prachtvollsten Paläste unserer Kaiser und Könige. Von Rom, dem Hauptpunkte der Cultur, erstreckten sich zur Kaiscrzeit die Fäden über das ganze, weite, ungeheure Reich. Nur an den Grenzen gab es Kriege; im Innern herrschte Friede, dauernder Friede. Großartig angelegte Straßen verbanden die entferntesten Länder miteinander, unbehelligt fuhren die Schiffe über die Meere. Allüberall waren die Römer die Pioniere der Cultur, in Spanien wie in Britannien, in Gallien wie in Germanien, im Occident wie im Orient. „Wie schön sind die Werke dieser Nation," sagte einst Rabbi Jehudah, der Erste der Redner, „sie richten Marktplätze ein, sie erbauen Brücken und Badehäuser." (Sabbat 33d.) Noch finden sich Spuren von den Römerwerken in allen Ländern ihrer Herrschaft. Einerlei Maaß, ein einheitliches Münz- und Gewichts-System erleichterten den Verkehr; das Recht wurde in feste

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.